Schwerin: Schwulenfeindlicher Angriff von Rechten nur erfunden?

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen mutmaßliches Opfer, einen Ex-Funktionär der "Linken"

Julian Kienzel
NDR

In Mecklenburg-Vorpommern hat die Staatsanwaltschaft einen ehemaligen Nachwuchspolitiker der „Linken“ angezeigt: Der 19-jährige Julian Kinzel hatte im Jänner Schlagzeilen gemacht, weil ihn eigenen Angaben zufolge Rechtsradikale angegriffen, verletzt und schwulenfeindlich beschimpft hatten. Jetzt stellt sich heraus: Die Tat war vermutlich erfunden.

Zu diesem Schluss kommt die Staatsanwaltschaft in Schwerin. Sie hat nun Anklage wegen Verdachts des Vortäuschens einer Straftat erhoben. Kinzel sei hinreichend verdächtig, den Anschlag erfunden zu haben, so die Behörde. Nun muss der Jugendrichter des Amtsgerichts in Schwein prüfen, ob er die Anklage zulässt. Bei einer rechtskräftigen Verurteilung drohen dem ehemaligen Jungpolitiker bis zu drei Jahre Haft.

19-Jähriger gab an, von drei Rechtsradikalen überfallen worden zu sein

Der 19-Jährige hatte angegeben, Anfang Jänner von drei Rechtsradikalen angegriffen worden zu sein. Diese hätten ihn unter anderem als „schwule Kommunistensau“ beschimpft und ihn mit einem Messer angegriffen. Nur sein dicker Mantel, Gegenwehr und das Auftauchen von Passanten hätten ihn vor schweren Verletzungen bewahrt, so Kienzel.

In einer ersten Welle von Reaktionen reagierte die „Linke“ über den Anschlag auf ihren Nachwuchsfunktionär empört. Dieter Bartsch, aus Schwerin stammender Fraktionschef der Partei im Bundestag, stellte sich nach der mutmaßlichen Tat demonstrativ hinter Kienzel und nannte ihn „klug und ehrlich“.

Schon bald erste Zweifel an der Darstellung des Opfers

Doch schon bald traten Zweifel an der Schilderung des Nachwuchspolitikers auf: So wurde Kienzel der angeblich lebensrettende Mantel gestohlen, bevor ihn die Polizei sichern konnte. Nach Recherchen des Norddeutschen Rundfunks (NDR) hatte der 19-Jährige am Unterarm Schnitte, die kreuz und quer verliefen – und einem Gutachter zufolge „nicht mit dem behaupteten Verlauf des Überfalls in Übereinstimmung zu bringen seien“.

Der Gutachter hielt es für wahrscheinlich, dass sich Julian Kinzel die Verletzungen selbst zugefügt hat. Auch irritierte die ermittelnden Beamten, dass der Jungpolitiker nicht sofort Anzeige erstattet hatte, sondern einen Tag später über das Internet. Bei der Rekonstruktion des Angriffs am Tatort seien schließlich „erhebliche Widersprüche aufgetreten“, so die Staatsanwaltschaft.

Julian Kinzel bleibt bei seinen Aussagen

Kinzel selbst bestreitet die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft und hält an seiner Darstellung der Vorfälle fest. Für ihn gelte „auch nach Anklageerhebung“ die Unschuldsvermutung, wie auch die Behörde betont. Das Ermittlungsverfahren gegen die drei unbekannten Männer wurde mittlerweile eingestellt.

Das frühere Vorstandsmitglied des Kreisverbandes der „Linken“ und Sprecher der Parteijugend ist mittlerweile aus der Partei ausgetreten. Kreisparteivorsitzender Peter Brill wollte sich gegenüber „Schwerin Lokal“ nicht zu den Vorwürfen gegen Kinzel äußern: Es handle sich dabei um eine „Privatangelegenheit“.