Schweizer Lesben kritisieren Schwulenverband

Unmut, weil Medien meistens nur bei Pink Cross um eine Stellungnahme anfragen

Pink Cross
Pink Cross

Vorwürfe gegen den Schweizer Schwulen-Dachverband „Pink Cross“ kommen von der Lesbenorganisation LOS. Dieser würde zu viel Aufmerksamkeit der Medien auf sich ziehen, heißt es in einer Presseaussendung. Andere LGBT-Organisationen stimmen LOS in der Sache zu, kritisieren aber, dass die Lesbenorganisation diese Kritik über die Medien ausrichtet.

LOS: „Minderheiten werden systematisch ignoriert“

„Wir stellen mit Bedauern und Erstaunen fest, dass bei der Berichterstattung zur Diversität der LGBTI-Organisationen die ganze Aufmerksamkeit auf eine einzige Organisation gelegt wird. Sicherlich hat sie einen großen Einfluss, weil sie über beträchtliche finanzielle Mittel verfügt“, heißt es in der LOS-Aussendung: Es könne nicht sein, „dass die Minderheiten innerhalb einer Minderheit systematisch ignoriert werden und unsichtbar bleiben“.

„Wir bleiben einfach unsichtbar, Lesben werden nur im Zusammenhang mit Kindern ein Thema“, erklärt LOS-Geschäftsführerin Barbara Lanthemann gegenüber der Schweizer Boulevardzeitung „Blick“, wo ihrer Meinung nach das Problem liegt. Denn die LGBT-Community bestehe nicht nur aus schwulen Männern: „Sie ist keine homogene Gruppe; sie umfasst viele Gruppierungen mit spezifischen Anliegen“, so der Standpunkt von LOS.

Grund für die Kritik ist die Berichterstattung über eine aktuelle Statistik, nach der sich homosexuelle Paare in einer Eingetragenen Partnerschaft in der Schweiz öfter trennen als heterosexuelle Ehepaare. Die meisten Medien haben bei ihrer Berichterstattung darüber nur Pink Cross kontaktiert, anstatt auch die Lesbenorganisation LOS um ihre Position zu fragen.

Pink Cross: „Es ist nicht unsere Aufgabe, für Lesben oder Transmenschen zu sprechen“

Bei Pink Cross kann man die Aufregung nicht verstehen. Der Verein versteht sich explizit als Vertretung homosexueller Männer: „Es ist weder Aufgabe noch Kompetenz von Pink Cross, für Lesben oder Transmenschen zu sprechen. Es liegt vollständig in der Aufgabenkompetenz der einzelnen Organisationen, eine aktive und lebendige Medienarbeit zu gestalten“, erklärt Bastian Baumann, Geschäftsführer von Pink Cross, gegenüber „Blick“.

Und er kritisiert LOS für den Vorstoß: „Die Geschichte der LGBT-Bewegung lehrt uns, dass die vulnerable Minderheit von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transmenschen nur geeint stark ist“, erklärt er. Fragen der Zusammenarbeit möchte Baumann innerhalb der Community und nicht in den Medien besprechen.

Bestätigung für die Kritik von LOS kommt auch von anderen Organisationen, zum Beispiel dem Transgender Network Switzerland (TGNS): „Es ist tatsächlich so, dass sich das Interesse der Medien auf Pink Cross konzentriert“, bestätigt dessen Präsident Henry Hohmann. Und das Interesse der Vereins liege vor allem in der Vertretung schwuler Männer.

Öffentlicher Disput zwischen Lesben und Schwulen für Transgender-Verband „keine gute Idee“

Dass Pink Cross aufgrund des großen Medieninteresses teilweise auch für andere Gruppen spreche, sei für Hohmann „in manchen Fällen okay, in anderen greift das schon auch in die Kompetenz der einzelnen Untergruppen ein“. So sei die Schnittmenge zwischen schwulen Männern und Transgendern ohnehein beschränkt: So stehen für das Transgender Network Switzerland Fragen zur Geschlechtsidentität, Zwangssterilisation oder die Regeln im Zusammenhang mit Namensänderung im Vordergrund.

Dass die Schweizer Lesbenorganisation diesen Konflikt nun über die Medien austrägt, findet auch Henry Hohmann „keine gute Idee“. Denn die Schweizer stimmen bald über die Stiefkindadoption oder die Öffnung der Ehe ab – da wäre es besser, wenn die Community geeint auftritt.

Warum LOS nun an die Medien geht, scheint auch deshalb unklar, weil es sonst keine Probleme mit Pink Cross zu geben scheint: „Wir arbeiten abgesehen davon gut zusammen“, muss auch Lanthemann gegenüber „Blick“ eingestehen. Immerhin teilen sich die beiden Organisationen in der Hauptstadt Bern ein Büro.