Grindr und sexuelle Belästigungen: Erzbischof boykottiert Priesterseminar

Nicht die besten Voraussetzungen, um künftige Priester auf ein Leben im Zölibat vorzubereiten...

Priester
Symbolbild - Fotolia

Diarmuid Martin, Erzbischof von Dublin, will keine Anwärter für das Priesteramt in das älteste Seminar Irlands schicken. Einer der Gründe dafür: Die schwule Dating-App „Grindr“ ist dort offensichtlich zu beliebt.

„Etwas unglücklich über die Atmosphäre“

Seit 1795 werden am St.-Patrick-Priesterseminar, 26 Kilometer entfernt von Dublin, Geistliche ausgebildet. Doch in den nächsten Monaten wird es von dort keinen seelsorgerischen Nachwuchs mehr geben. Gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Radiosender RTÉ erklärte Martin die Gründe dafür – und die muten für eine römisch-katholische Einrichtung sehr eigenwillig an. So meinte der Bischof, er sei „etwas unglücklich über die Atmosphäre“, die sich in dem Priesterseminar breit machte.

Es gebe verschiedene Vorwürfe gegen das St. Patricks College, erklärte der Erzbischof: „Auf der einen Seite gibt es eine homosexuelle, eine schwule Kultur, bei der die Studenten eine App namens Grindr verwendet haben, eine schwule Dating-App, die unangemessen für Seminaristen ist – nicht nur, weil sie geschult werden sollten, zölibatäre Priester zu werden, sondern auch, weil eine App wie diese etwas ist, das promiskure Sexualität fördert, was definitiv unter keinen Umständen jener reifen Version von Sexualität entspricht, die man von einem Priester erwartet.“

Seminarist wurde von Priester sexuell belästigt

Und wie der „Irish Independent“ berichtet, soll es nicht nur bei einvernehmlichen Sex-Dates im Priesterseminar geblieben sein: So soll sich ein namentlich nicht genannter Seminarist bei der Polizei gemeldet haben, weil ihn zwischen 2007 und 2009 ein Priester sexuell belästigt haben soll. Der Geistliche, der im College angestellt war, soll ihn mehrfach unsittlich berührt und aufdringlich über Sex gesprochen haben.

Personen, die dieses Fehlverhalten bei ihren Vorgesetzten melden wollten, sollen aus dem Priesterseminar geschmissen worden sein. „Ich glaube, das so eine streitsüchtige Einstellung nicht der gesündeste Platz für meine Seminaristen ist, und ich habe mich entschieden, sie an das Irish College nach Rom zu schicken“, so Erzbischof Martin weiter.

Auch könne der 81-Jährige keinem anderen Bischof ruhigen Gewissens empfehlen, seine Seminaristen ins St.-Patrick-Seminar zu schicken. Allerdings werde er von anderen Bischöfen nicht verlangen, dass auch sie ihre Seminaristen aus dem College abziehen.

Leiter des Seminars ist „sehr unglücklich“ über die Vorwürfe

Der Vorsitzende des Priesterseminars, Monsignore Hugh Connolly, erklärte gegenüber dem „Guardian“, er sei „sehr unglücklich“ über die Vorwürfe des Erzbischofs von Dublin. Er habe „keine konkreten Details“ über die Anschuldigungen, die teilweise über Briefe oder anonyme Blogs verbreitet wurden.

Connolly betonte allerdings, dass von allen künftigen Priestern erwartet werde, zölibatär zu leben: „Es kann für einen Seminaristen keinen Kompromiss in dieser Frage geben – das ist nicht verhandelbar“, macht er seine Position in dieser Frage klar. Er rechne nicht damit, dass es Ermittlungen wegen der Vorwürfe gebe.

Zu seinen Spitzenzeiten war das 1795 gegründete St. Patricks College das größte Priesterseminar der Welt: Bis zu 500 Seminaristen wurden dort pro Jahr ausgebildet. Diese Zahl ist mittlerweile stark gesunken, in den letzten Jahren waren es höchstens 60 neue Priester, die das Seminar verließen.