Belgrade Pride: Keine Zwischenfälle und hochkarätiges Schlussprogramm

Minister, Parteichefs und Botschafter nahmen an der Parade teil - Song-Contest-Star Bojana Stamenov als Höhepunkt der Schlussveranstaltung

Bojana Stamenov
Vesna Lalic/Belgrade Pride

In Belgrad hat gestern Nachmittag die mit der dritten „Beograd Prajd“ die einzige LGBT-Parade Serbiens ohne Zwischenfälle stattgefunden. Unter dem Motto „Liebe verändert die Welt“ haben mehrere hundert Teilnehmer unter massivem Polizeischutz an der Parade teilgenommen.

5.000 Polizisten im Alarmmodus

Auch dieses Jahr wurden wieder Angriffe religiös-nationalistischer Gruppen befürchtet. Deshalb wurde die Veranstaltung von rund 5.000 Polizisten geschützt. Sie bildeten bereits Stunden vor der Demonstration ein Spalier entlang der Route, unterstützt wurden sie dabei von gepanzerten Fahrzeugen und einem Polizei-Hubschrauber.

Doch die Ängste waren unberechtigt: Die Teilnehmer der Belgrade Pride konnten friedlich durch die Straßen ziehen. Eröffnet wurde die Parade von der beliebten serbischen Schauspielerin Mirjana Karanović, die als offizielle Patin der Veranstaltung fungierte. In ihrer Begrüßungsrede gratulierte sie allen Teilnehmern.

„Das Leben ist wertvoll, und das Recht, frei zu leben, ist unantastbar“, gab Karanović den Demonstranten mit auf den Weg. Sie sagte weiter, es sei für jeden wichtig, seine Furcht zu überwinden und erinnerte daran, dass LGBT-Rechte in der serbischen Gesellschaft noch immer nicht angekommen seien und sexuelle Minderheiten noch immer Opfer von Gewalt werden.

Solidarität mit allen, die in Serbien diskriminiert werden

Die Teilnehmer marschierten hinter einem Truck, der mit Luftballons geschmückt war, und wehten mit Regenbogenflaggen. Außer dem offiziellen Slogan der Parade waren auf den Transparenten und Schildern auch Sätze wie „Solidarität mit Flüchtlingen“ oder „Keine Grenzen, keine Zäune“ zu lesen.

Boban Stojanović, einer der Organisatoren, erklärte, die Parade sei nicht nur für Mitglieder der LGBT-Community wichtig – sondern für alle, die diskriminiert werden und in der serbischen Gesellschaft unsichtbar seien: Arbeiter in prekären Verhältnissen, Roma, Menschen mit Behinderungen oder Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind.

Er machte in seiner Rede auch darauf aufmerksam, was die LGBT-Bewegung in Serbien erreicht habe: „Vor 15 Jahren war dies ein blutiger Platz, während wir versucht haben, den ersten Pride abzuhalten, und seht jetzt auf uns“, rief er den Teilnehmern zu.

Unterstützung für die LGBT-Community in der Türkei

Beim Denkmal der Patrioten in der Terazije-Straße gab es einen kurzen Moment des Schweigens. Damit wollten Teilnehmer und Organisatoren ihre Unterstützung für die LGBT-Community in der Türkei ausdrücken. In Istanbul wurde die alljährliche LGBT-Parade dieses Jahr verboten, die bekannte Trans-Aktivistin Hande Kader wurde im August ermordet.

Höhepunkt der Belgrade Pride war die Schlussveranstaltung. Zum ersten Mal in der Geschichte der Veranstaltung gab es ein hochkarätiges Showprogramm. Hauptacts waren die beiden Sängerinnen Bojana Stamenov und Nataša Bekvalac. Stamenov hat spätestens seit ihrer Teilnahme beim Song Contest 2015 in Wien eine große schwul-lesbische Fanbase.

Auch viele Politiker beehrten die Belgrade Pride in diesem Jahr mit ihrer Teilnahme. Angeführt wurde das Feld von Ana Brnabić, der ersten offen homosexuellen Ministerin Serbiens. Begleitet wurde sie von Tanja Miščević, der serbischen Verhandlungsführerin in den EU-Beitrittsgesprächen, Gleichbehandlungskommissarin Brankica Janković und  Meho Omerović, Vorsitzender des Komitees für Menschen- und Minderheitenrechte. Unter den Teilnehmern waren auch der Belgrader Bürgermeister Siniša Mali, Bojan Pajtić, Vorsitzender der Demokratischen Partei (DS) und Čedomir Jovanović, Vorsitzender der Liberaldemokraten (LDP).

Massive Unterstützung von Politikern und Diplomaten

Internationale Unterstützung bekam die Belgrade Pride durch die Teilnahme von Michael Davenport, Leiter der EU-Delegation in Serbien, und dem deutschen Botschafter Axel Dittmann. Auch die Botschafter der Vereinigten Staaten und Italiens sowie der Leiter der UNHCR-Delegation in Serbien nahmen an der Parade teil. Unter den Teilnehmern war auch eine Delegation schwedischer Polizisten in Uniform.

In der Vergangenheit hat die Europäische Union von Serbien immer wieder eine Stärkung der Rechte für sexuelle Minderheiten und besseren Schutz eingefordert. Der erste Versuch, im Jahr 2001 eine Parade abzuhalten, endete in einem Blutbad, als Nationalisten die Teilnehmer angriffen.

Belgrade Pride als Gradmesser der Toleranz

Auch der nächste Versuch war nicht wirklich erfolgreich: So wurde die Belgrade Pride im Jahr 2010 von Rechtsextremen gestürmt, es gab mehr als 100 Verletzte. Die Gegendemonstranten warfen Molotow-Cocktails auf die Paraden-Teilnehmer und die Polizei. Die folgenden vier Jahre wurde der Marsch aus Sicherheitsgründen abgesagt.

Erst 2014 wurde die Parade wieder genehmigt, sie fand aber aufgrund einer Unwetterkatastrophe in Serbien nicht statt. Die zweite Belgrade Pride fand letztes Jahr unter großer politischer Beteiligung statt. Ihre Teilnahme galt auch als deutliches Zeichen an die Europäische Union, deren Mitglied Serbien werden möchte.

Homosexualität ist in Serbien seit 1994 legal. Das Land gilt bei LGBT-Rechten als sehr konservativ. Gleichgeschlechtliche Beziehungen werden nicht anerkannt. Die Ehe ist in der Verfassung als Verbindung von Mann und Frau festgeschrieben.