Grüner Bürgermeister unterstellt LGBT-Aktivisten „überspannte Aggression“

Tübingens Stadtoberhaupt Boris Palmer lässt homophobe Kommentare auf Facebook stehen und kritisiert LGBT-Aktivisten

Boris Palmer
Gudrun de Maddalena/Stadt Tübingen

In Baden-Württemberg scheinen die Grünen der Gleichstellung sexueller Minderheiten nicht unbedingt oberste Priorität zuzuschreiben. Nachdem letzte Woche Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit seinem Lob für die heterosexuelle Ehe für Irritationen sorgte, gießt sein Parteifreund Boris Palmer, Oberbürgermeister der beschaulichen Universitätsstadt Tübingen, erneut Öl ins Feuer.

So hatte Kretschmann in einem Beitrag für die Wochenzeitung „Die Zeit“ unter anderem geschrieben, die „klassische Ehe“ sei die „bevorzugte Lebensform der meisten Menschen – und das ist auch gut so“. Nach einem Shitstorm präzisierte der Ministerpräsident von Baden-Württemberg am Freitag seine Aussagen. Bevorzugt werde die Ehe als Familienmodell „ganz unabhängig von der jeweiligen sexuellen Orientierung“. Die Öffnung der Ehe bleibe sein politisches Ziel, so Kretschmann weiter.

Hetero-Bürgermeister will Deutungshoheit über Homophobie

Diese Erläuterung sei nicht notwendig gewesen, richtete am Samstag Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, über Facebook seinem Landesvater und Parteichef aus. Dabei nimmt er Bezug auf einen Bericht von Paul Wrusch, offen schwuler Redakteur der Berliner „tageszeitung“, der Kretschmanns Äußerungen als „latent homophob“ bezeichnet hatte.

„Wer schreibt, dass es gut ist, dass die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen ist, ist latent homophob? Genau diese völlig überspannte Aggression gegenüber der Mehrheitsgesellschaft ist es, die Winfried Kretschmann in seinem Beitrag in der Zeit zu recht hinterfragt“, ärgerte sich Boris Palmer auf Facebook – und singt ein Loblied auf die heterosexuelle Zweierbeziehung.

Denn ohne diese „kämen einige Probleme auf uns zu“, angefangen mit der Sicherung der Pensionen, so Palmer. Es sei zwar in Ordnung, Diskriminierungen zu bekämpfen – doch „positive Bewertungen anderer Lebensformen als die der Minderheiten“, wie es der Grüne Oberbürgermeister nennt, zu bekämpfen, gehöre nicht dazu. So werde „Pluralität und Minderheitenschutz zu Intoleranz und Jakobinismus“, ist Boris Palmer überzeugt.

Homosexualität für Palmer-Fan „nicht normal oder gleichwertig“

Einem Kommentator, der meint, dass ein heterosexueller Mann nicht die Deutungshoheit darüber haben soll, was homophob ist, antwortet der Tübinger Oberbürgermeister: „Die Definitionsmacht darüber kann überhaupt niemand beanspruchen. Auch nicht eine Betroffenengruppe übrigens.“

Keine kritischen Antworten von Palmer bekommen Unterstützer aus der rechten Ecke. So meint einer seiner Facebook-Kommentatoren: „Dadurch, dass etwas in der Natur vorkommt wird es noch nicht normal oder gleichwertig. Wir würden nicht die Existenz von Krebs oder Impotenz bestreiten, sie aber wohl kaum zum Normalzustand oder zur gleichwertigen Variation erklären – unabhängig davon ob man das behandeln kann oder soll.“ Palmer lässt diese Wortmeldung bereits seit mehr als 24 Stunden unkommentiert auf seinem Profil stehen.

Adoptionsrecht für Lesben und Schwule könnte Wähler verschrecken

Es ist nicht das erste Mal, dass Boris Palmer seinen Widerstand gegen Minderrechte öffentlich macht. Vor fünf Jahren wollte er die rechtliche Gleichstellung von Eingetragenen Lebenspartnerschaften aus dem Wahlprogramm der Grünen streichen. Vor allem die Öffnung der Adoption könne „potenzielle Wähler abschrecken“, fürchtete der Politiker.

Letztes Jahr warf der Oberbürgermeister von Tübingen LGBT-Aktivisten in einem Gastbeitrag für die konservative „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) vor, „den Vorwurf der Homophobie sofort auszupacken, wenn man sich kritisch über das volle Adoptionsrecht für Schwule und Lesben äußert oder an der (weitgehend von der Wirklichkeit überholten) Vorstellung einer besonderen Vorrangstellung der Ehe festhält“.