London: 40 Prozent weniger HIV-Infektionen durch PrEP

Schwule Männer holen sich die Tabletten, die vor einer HIV-Infektion schützen können, günstig aus dem Internet

Truvada
Lukas Braun - CC BY-NC-SA 4.0

In London ist die Zahl der neuentdeckten HIV-Infektionen unter schwulen Männern um bis zu 40 Prozent zurückgegangen, berichtet der „New Scientist“. Der Grund dafür: Viele holen sich über halblegale Wege, was ihnen das britische Gesundheitssystem verwehrt: Die Tablette, die eine HIV-Infektion verhindern kann.

Weil die Krankenkasse nicht zahlt: Import von billigen Generika aus Indien oder Swaziland

Die UN-Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt für Risikogruppen die Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP): Die tägliche Einnahme des HIV-Medikaments Truvada kann zusammen mit Kondomen eine Infektion mit dem Virus, das für die Immunschwächekrankheit Aids verantwortlich ist, in den meisten Fällen verhindern. In der EU ist Truvada für diesen Zweck auch zugelassen. Einzig: Das britische Gesundheitssystem NHS weigert sich, die Kosten von 400 Pfund, umgerechnet etwa 460 Euro, pro Monat dafür zu übernehmen.

Doch die Betroffenen haben eine Alternative gefunden: Statt das Originalmedikament zu verwenden, kaufen sie über Online-Apotheken in Indien oder Swaziland Generika mit Tenofovir und Emtricitabin, den gleichen Wirkstoffen – für teilweise ein Zehntel des Originalpreises. Die Apotheken finden die Männer über eigene Websiten wie „I Want PrEP Now“.

Ärzte unterstützten ihre Patienten und prüfen, ob die Billig-Medikamente wirken

Und während Ärzte normalweise davon abraten, Medikamente online aus Drittstaaten zu kaufen, ändert sich hier die Einstellung der Mediziner: Einige Fachärzte bieten ihren Patienten, die sich auf diesen Weg ihre Medikament holen, Blut- und Urintests an. So wollen sie sicherstellen, dass die Tabletten tatsächlich die erwarteten Inhaltsstoffe enthalten und Nierenschäden als Nebenwirkung verhindert werden. Bis jetzt wurden übrigens noch keine Tabletten entdeckt, die nicht über die erwarteten Wirkstoffe verfügen.

Rückendeckung für dieses Verhalten bekommen die Ärzte sogar von der staatlichen Ärzteaufsicht. Diese erinnert an die ethischen Richtlinien, nach denen Mediziner Patienten auch Informationen über Behandlungen geben sollen, die sie selbst nicht durchführen können.

Noch kein Beweis, dass HIV-Infektionen durch PrEP gesunken sind – aber viele Anzeichen

Dass diese Initiativen die Zahl der neuentdeckten HIV-Infektionen in London so stark gesenkt haben, ist offiziell noch nicht bestätigt. „Wir müssen zu diesem Zeitpunkt noch sehr vorsichtig sein, aber ich wüsste nicht, was es sonst sein könnte“, sagt Will Nutland von der London School of Hygiene and Tropical Medicine, gegenüber dem „New Scientist“: „Etwas außergewöhnliches ist in den letzten 12 Monaten passiert, wegen ein paar Aktivisten, die am Küchentisch die Initiative ergriffen haben.“

Das glauben auch andere Experten. Sheena McCormack von der Londoner Klinik „56 Dean Street“ sagt dem „New Scientist“, dass der Rückgang der neu entdeckten HIV-Infektionen eher nicht durch erhöhten Gebrauch von Kondomen zustandekommt. Denn die Zahl der Infektionen mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten wir Syphilis sei 2016 unverändert zum Vorjahr geblieben.

Greg Webster, der die Webseite „I Want PrEP Now“ betreibt, schätzt, dass über seine Plattform bereits mehr als 2000 Personen an die Medikamente gekommen sind. Er arbeitet auch mit Krankenhäusern zusammen, um die Pillen zu testen, die über seine Seite gekauft werden können. Deshalb empfehlen mittlerweile auch einige Ärzte ihren Patienten seine Seite.