[Video] Holocaust-Überlebender outet sich mit 95 Jahren als schwul

„Ich wurde schwul geboren und bin es mein Leben lang“

Roman Blank und Davey Wavey
wickydkewl/YouTube

Es ist die wohl rührendste Geschichte des Jahres: Im Alter von 95 Jahren outet sich ein fünffacher Großvater und Holocaust-Überlebender als schwul. Seine Geschichte, die auch zeigt, dass Homosexualität lange illegal oder unerwünscht war, berührt nun das Internet. Das berührende Video, in dem er sich vor aller Welt outet, wurde seit Donnerstag mehr als 250.000 Mal gesehen.

Roman Blank stammt aus einer jüdischen Familie aus Polen. Während des Zweiten Weltkriegs flüchtet er mit seinem Bruder vor den Deutschen in die Sowjetunion. Mehrere Familienmitglieder werden von den Nazis ermordet. Nach dem Weltkrieg landet er in einem deutschen Flüchtlingslager. Dort lernte er seine spätere Frau Ruth kennen. Sie stammte aus einem Nachbarort. Schließlich heiraten sie.

Für Außenstehende führt das Paar über 60 Jahre eine glückliche Ehe

Zusammen gehen sie nach Amerika. Zunächst führt sie die Reise nach New York, heute leben sie Los Angeles in einem betreuten Wohnheim. Das Paar führt auf den ersten Blick seit 67 Jahren eine glückliche Ehe. Sie haben zwei Kinder, fünf Enkelkinder, einen Urenkel. Und trotzdem ist es anders, als es scheint. „Es war der größte Fehler meines Lebens“, sagt Roman Blank heute über seine Ehe.

„Aber ich hatte keine Wahl. So war die Welt damals. Ich fragte sie, ob sie mich heiraten will, obwohl es gegen meine Natur war“, erinnert er sich. Denn er ist schwul. Jetzt erzählte er seine Geschichte dem YouTuber Davey Wavey. „Können Sie sich vorstellen, 90 Jahre lang Ihre Homosexualität zu verbergen?“, fragt ihn der heute 96-Jährige. Bereits im Alter von fünf Jahren habe er geahnt, dass er homosexuell sei. „Ich wurde schwul geboren und bin es mein Leben lang“, sagt er.

In seiner Jugend hat er gelernt, dass es ein Verbrechen ist, schwul zu sein – das lässt ihn nie ganz los

Doch outen konnte er sich nicht. Unter den Nazis habe er gelernt, dass es ein Verbrechen sei, schwul zu sein. Im Verborgenen hatte er seine ersten Erfahrungen mit Männern gemacht. Doch das durfte niemand wissen. „Du konntest dich entweder umbringen, oder im Verborgenen leben“, erinnert er sich. Und von diesem Gefühl konnte er sich nie ganz befreien.

Seine Frau bemerkte nach der Geburt der zweiten Tochter im Jahr 1953, dass etwas mit ihrer Beziehung nicht stimmte. Sie stellte ihren Mann zur Rede, nachdem er eines Abends erst spät nach Hause gekommen sei. Und schon damals erklärte er ihr: „Ich bin schwul.“

Der Kinder zuliebe bleibt das Paar zusammen, doch seine Frau leidet sehr unter der Situation

Das war ein heftiger Schlag für die junge Frau. „Mein Herz war in all diesen Jahren gebrochen“, erinnert sich Ruth Blank in  einem Video, das ihre Familie im Jahr 2015 aufgenommen hat und aus dem das Magazin „Out“ zitiert. „Ich habe es für meine Kinder gemacht“, sagt sie. „Ich wollte, dass sie einen Vater haben, also blieben wir zusammen.“ „Wir haben uns entschlossen, dass wir weiter versuchen, gemeinsam glücklich zu sein. Wir lieben uns – wie ein Bruder und eine Schwester. Aber ich habe viel gelitten. Ich war eine junge Frau“, so Ruth Blank.

Und Roman macht es seiner Frau nicht immer leicht: Nachdem die Kinder aus dem Haus waren, verschwand Roman manchmal für Wochen. Er kam erst wieder, nachdem seine Affären in die Brüche gegangen waren.

Zunächst erzählt die Frau einem Psychologen von dem Geheimnis, dann ihrer Tochter

Ihre Kinder und Enkel hatten von dem Geheimnis keine Ahnung. Erst in den letzten Jahren hatte eine Tochter den Eindruck, dass mit ihrer Mutter etwas nicht stimmte. Sie empfahl ihr, mit einem Therapeuten zu reden. Das machte Ruth Blank. Sie erzählte ihm vom großen Geheimnis des Paares.

Und als sie ihre Tochter später fragte, wie die Therapie gewesen sei, erzählte sie es auch ihr. „Sie konnte mit dieser Lüge nicht mehr leben. Und jetzt hat sie beide befreit“, so die jüngere Tochter im Gespräch mit „Out“. Wenig später outete sich auch Roman Blank vor seiner Familie: „Ich habe meiner Familie die Tragödie meines Lebens erzählt“, erinnert er sich in dem Video-Interview mit Davey Wavey.

Über seine Frau sagt er dem Magazin: „Sie hat gelitten, und sie leidet bis heute.“ Er sei sich darüber bewusst, was sie für Opfer gebracht habe. „Ich denke, sie ist die wundervollste Frau der Welt.“ Und auch die jüngere Tochter ist über das Outing froh. „Ich liebe meine Eltern dafür, dass sie mutig genug waren, uns ihr Geheimnis zu erzählen. Jetzt können wir viel besser verstehen, was sie durchgemacht haben“, sagt sie „Out“.

„Ich will jemanden nah bei mir haben, wenn ich einschlafe“

Blanks Enkel Brandon Gross will über das Leben seines Großvaters nun eine Dokumention mit dem Titel „On My Way Out“ drehen. Eigentlich wolle er die Liebesgeschichte seiner Großeltern erzählen, die als jüdische Holocaust-Überlebende in die USA gekommen sind. Doch das hat sich durch das Outing seines Großvaters nun geändert.

Ob Roman Blank mit 96 Jahren noch einmal einen Freund haben möchte? „Ja!“, sagt er auf die Frage von Davey Wavey ganz bestimmt. Um Körperliches gehe es ihm aber nicht. „Ich schaue nicht auf das Gesicht. Ich schaue ins Herz“, sagt Blank. „Ich will jemanden nah bei mir haben, wenn ich einschlafe“, sagt er. „Nur aus einem einzigen Grund: Um sicher zu sein, dass sich jemand um mich sorgt. Das ist alles.“