So brutal werden schwule Männer in Tschetschenien gequält

Erpressungen und Prügel standen schon vorher auf der Tagesordnung, berichten Betroffene

Gefängnis
Symbolbild - Fotoloa

Seit zwei Wochen empören grausame Nachrichten aus Tschetschenien die Öffentlichkeit: Das Regime von Präsident Ramsan Kadyrow macht gezielt Jagd auf schwule Männer. Aktuellen Berichten zufolge begann die Jagd auf sie bereits im Dezember. Sie werden verhaftet, gefoltert, und auch getötet. Viele Männer kamen in ein Geheimgefängnis nach Argun, 16 Kilometer östlich der Hauptstadt Grosny. Weitere Männer sollen in ein anderes Gefängnis nach Zozin-Jurt, 30 Kilometer südöstlich von Grosny, gebracht worden sein.

Der vom US-Kongress finanzierte russische Radiosender „Radio Swoboda“, ein Ableger des in Prag beheimateten „Radio Free Europe“, hat einige Männer, die von den tschetschenischen Behörden gesucht oder festgehalten wurden, gefunden und mit ihnen gesprochen. Ihre Geschichten machen sprachlos.

Zunächst wollten „Freunde“ einen jungen Tschetschenen erpressen, dann machte das Militär Jagd auf ihn

So berichtet ein 27-Jähriger, dass er im letzten Herbst aus Tschetschenien geflohen war, nachdem ihn „Freunde“ mit heimlich mitgeschnittenen Aussagen über seine sexuelle Orientierung erpressen wollten. Im Jänner kehrte er nach Grosny zurück. Während eines Ausflugs rief ihn plötzlich seine Mutter an: Das Militär suche ihn. Er weigerte sich, zurückzukommen und sich dem Militär zu stellen. Daraufhin nahmen die Soldaten seinen Bruder als Geisel.

Die Familie versuchte daraufhin weiter, ihn zu einer Rückkehr zu überreden. „Aber ich wusste, dass sie mich locken wollten, um Informationen über mich zu bekommen, und dass ich dann getötet würde“, so der junge Mann im Gespräch mit dem Radiosender. Ein anderer Verwandter habe ihm am Telefon bestätigt, man könne für ihn nichts anderes tun, als ihn zu ermorden. Sein Bruder sitze weiter in Haft, die Polizei sieht jeden Tag bei seinen Eltern nach, ob er zurückgekommen ist. Er selbst ist nach Europa geflüchtet und dort mittlerweile in Sicherheit.

Der 23-jährige Kasan wurde vom Militär erpresst

Ein anderer schwuler Mann, der in die Fänge des tschetschenischen Regimes geriet, ist der 23 Jahre alte Kasan*. Er konnte mit Hilfe des LGBT-Network nach Moskau flüchten und wohnt nun in einer sicheren Notunterkunft. Gewalt gegen schwule Männer kannte er schon vorher: So endete bereits letzten Herbst ein Date mit einer Entführung. „Drei Männer in schwarzen Uniformen fuhren mich in einen Wald“, erinnert er sich. Sie waren Mitglieder der Militäreinheit „Terek“.

Sie zogen ihn nackt aus, schlugen ihn grün und blau und brachen sein Kiefer. Sie warnten ihn, sich nicht mehr „schwul zu betätigen“. Sie wollten 300.000 Rubel, umgerechnet etwa 500 Euro, damit sie ihn nicht outen. Um an das Geld zu kommen, musste Kasan unter anderem seinen Computer verkaufen. Aus Angst hatte er seitdem keinen schwulen Sex mehr, alle Kontakte zu schwulen Männern brach er ab.

Ein 19-jähriger Freund verschwand – da flüchtete Kasan aus Tschetschenien

Als der 23-Jährige Anfang März auf dem russischen Facebook-Klon „VKontakte“ die ersten Meldungen über Massenverhaftungen schwuler Männer gelesen hatte, dachte er zunächst, es sei „nur“ die übliche Praxis. Doch es war anders als zuvor. „Ende März habe ich einen Anruf von einer Frau bekommen, die heulte, weil ihr Sohn verschwunden ist“ erinnert sich der junge Mann. Dabei handelte es sich um einen 19-Jährigen Bekannten von Kasan. „Zur gleichen Zeit verschwanden mir bekannte Homosexuelle aus sozialen Netzwerken. Ich habe für Tage nicht geschlafen und stand am Fenster und wartete darauf, dass sie mich abholen“, erinnert er sich.

Eines Morgens verabschiedete er sich von seinen Eltern und sagte ihnen, er würde wie jeden Tag zur Arbeit fahren. Stattdessen ging es zum Flughafen von Grosny – und Kasan verließ seine Heimat Tschetschenien für immer.

*) Name geändert