Stellt euch vor, der Viper Room auf der Landstraßer Hauptstraße im Jahr 2009. Es roch nach kaltem Rauch, hundert Jahren Alkoholismus und vor allem nach meinem Parfum. Das war damals eine Wolke aus Zuckerwatte namens „Insolence“ von Guerlain. Ich stand am Eingang des „Queerbeat“-Clubbings und verteilte Sticker, Schnaps oder verbale Frechheiten. Das waren Tamara Mascaras erste Jobs.

Aus dem Team des Queerbeat haben mich etwas später zwei Burschen angesprochen, die heute zwei meiner engsten Kollegen im nächtlichen Business sind: Michi und Simon. Einer war bunt angezogen und besonders geschäftstüchtig, der andere riesig, kreativ und… kreativ. Wir setzten uns zusammen und machten einen Schlachtplan für eine richtig große Party.

Und daraus wurde: The Circus.

Circus: Gogo-Tänzer
Good Life Crew/Philipp Liparski

Damals war Berlin gerade der heisse Scheiss, darum sagten wir uns, dass die Arena die perfekte Location sein könnte. Denn dort sieht es aus als wäre man im tiefsten Berlin zwischen Graffiti und Herrenklo. Dass die Arena – wie sich später herausstellte – unglaublich fähiges und gut ausgebildetes Personal hat, kam eher als Wink des Schicksals hinzu.

Die erste Show war ein unorganisierter Haufen – aber wir haben gelernt

Für die erste Ausgabe unseres Großclubbings legten wir uns damals richtig ins Zeug. Aus heutiger Sicht klemmten unsere Füße natürlich noch in zu engen Kinderpumps. Die Show war ein unorganisierter Haufen. Ich dachte, weil die Bühne groß ist, wirkt alles automatisch supertoll,

Leider ist das Gegenteil der Fall: Je größer die Bühne, desto genauer sollte man sich bewusst sein, was man macht. Aber niemand hat die Weisheit mit dem Löffel gefressen oder so ähnlich…

Es begann die Suche nach der notwendigen Manpower. Gogos, Muskeljungs, Welcomeboys, Tänzer, Drag Queens oder einfach Performer zu finden ist nicht einfach. Natürlich kann man für teures Geld jemanden einfliegen lassen, aber dann hat man eine einzige Person, und das macht auf einer großen Bühne das Kraut nicht fett.

Tamara Mascara beim Circus
Good Life Crew/Philipp Liparski

Also machten wir uns daran, eine Kartei von Leuten anzulegen, die uns gefallen haben, deren Performance uns begeistert hat, und diese Kartei wurde mit den Jahren immer üppiger – und bis heute haben sich daraus sogar Freundschaften entwickelt.

Deko! Glitzer! Felsen!

Und nach dem ersten Showdesaster war uns auch eines klar: Ein geiles Clubbing braucht auch mehr Deko! Leider sind wir nicht die Staatsoper, also mussten wir uns selbst hinsetzen und basteln, und das taten wir auch. Ich erinnere mich sehr gut daran, als mein kleines Domizil etwa zwei Monate lang zu einer einzigen Ansammlung von Pappmachéfelsen wurde.

Zuerst eine Form aus Hasenzaun zurechtbiegen, blutige Finger inklusive, dann Pappmaché darüber, das Schicht für Schicht stundenlang trocknen muss. Am Schluss haben wir alle Felsen selbst bemalt und direkt auf der Bühne mit Plastikpflanzen verziert.

Ich weiss nicht ob irgendjemand genau genug hingesehen hat um zu sehen was auf der Bühne stand, jedenfalls waren es sehr aufwändige Felsen, meine Lieben.

Improvisation pur: Drei Stunden für die einzige Bühnenprobe

Wenn die Bühne einmal steht, ist es Zeit für die Generalprobe! Jedesmal ein Wettlauf gegen die Zeit. Wir haben nur 3 Stunden, um auf der frisch aufgebauten Bühne die Show zu proben, denn dann kommen schon die ersten Gäste. Davor können wir immer nur in einem Tanzsaal oder überhaupt nur in der Wohnung proben.

Tamara Mascara beim Circus
Good Life Crew/Philipp Liparski

Und damit beginnt der Stress: Das Licht muss eingestellt werden, Choreografien müssen angepasst werden, Strümpfe reissen, Wimpern halten nicht, Nerven liegen blank.

Wenn man das alles bedenkt, ist es fast nicht zu glauben, dass wir eine Live-Waschung, eine Opferung, mehrere Kostüm- und Perückenwechsel, Akrobatik und Burlesqueshows und natürlich jede Menge Spaß auf die Bühne der Arena gezaubert haben.

Ich bin froh, dass man uns damals nicht ausgebuht hat – die Erinnerungen sind unbezahlbar

Besonders anfangs ist es nicht leicht einzuschätzen, wie ein Lied oder eine Showidee ankommen wird, dazu hatte ich einfach noch zu wenig Erfahrungen mit großen Locations.

Tamara Mascara beim Circus
Good Life Crew/Philipp Liparski

Bei unserer Ausgabe mit dem Thema “Under Construction” zum Beispiel habe ich mich vollkommen verzettelt.

Ich dachte, eine emotionale Nummer zu lipsyncen und heiße Jungs im Hintergrund wären spannend genug. Nun, vielleicht im Vapiano am Westbahnhof, aber wenn tausend Schwestern in der Arena stehen, dann nicht. Heute betrachtet bin ich froh, dass man uns nicht ausgebuht hat.

Jedesmal versuchen wir, als Team unser Bestes zu geben und die Arbeit des letzten Circus noch einmal zu übertreffen. Natürlich geht immer etwas schief, oder jemand trinkt einen Viertel Liter Wodka und bricht Backstage zusammen, aber am Ende bleiben die Erinnerungen – und die sind unbezahlbar.


Tamara Mascara ist Österreichs wohl bekannteste Burlesque Drag Queen. Mit ihren Auftritten und perfekt choreografierten Shows ist ihr Name bereits weit über die Grenzen des Landes ein Begriff. Für GGG.at Voices schreibt sie, was ihr über die Szene ein- und auffällt.