Ignorieren oder „Millieu“: So schreiben Südtiroler Medien über Mord an schwulem Bozner

Berichterstattung spiegelt die Probleme wieder, die sexuelle Minderheiten in Südtirol haben

Stefan Unterweger
Polizei Berlin

Am Sonntag ist im Berliner Volkspark Friedrichshain der gebürtige Südtiroler Stefan Unterweger getötet worden. Eine Spur zum Täter oder ein Motiv gibt es nicht. Doch die Berliner Polizei hat bereits in der ersten Pressemitteilung hingewiesen, dass der 34-jährige Informatiker schwul war.

Das könnte für die Ermittlungen wichtig sein: Der Tatort befindet sich in der Nähe einer bekannten Cruising-Area. Doch diese Informationen will das größte Medienhaus in Südtirol seinen Lesern vorenthalten.

Aus dem Lebensgefährten wurde für Südtiroler Leser ein Mitbewohner

So hat das zum konservativen Artesia-Verlag gehörende Internet-Portal „stol.it“ bereits in der ersten Meldung die Homosexualität des Opfers verschwiegen. Das lässt sich noch damit erklären, dass ein Zusammenhang zwischen Tat und sexueller Orientierung nicht nachgewiesen ist. Doch dabei blieb es nicht.

So hat die Berliner Boulevardzeitung „B.Z.“ den Lebensgefährten des Opfers interviewt. Seit zwei Jahren lebten die beiden Männer gemeinsam in einer WG, etwa einen Kilometer vom Tatort entfernt. Die Zeitung beschreibt den 39-jährigen Matthias ganz klar als „seinen Lebensgefährten“.

Doch bei „stol.it“ wurde aus dem trauernden Partner ein einfacher „Mitbewohner von Stefan Unterweger“. Auch in den anderen Online-Berichten über den Tod des Bozners: Kein Wort darüber, dass er Männer liebte.

Für andere Medien war es eine „Bluttat im Homosexuellenmillieu“

Und auch jene Online-Medien aus Südtirol, die auch über die sexuelle Orientierung des Opfers berichten, haben noch Nachholbedarf, wenn es um entsprechende Formulierungen geht. So schreibt „suedtirolnews.it“, dass die Berliner Polizei „von einem Raubmord oder von einer Bluttat im Homosexuellenmilieu“ ausgehe. Und auch die „Neue Südtiroler Tageszeitung“ strapaziert in ihrer Online-Ausgabe das „Homosexuellenmilieu“.

Das verwundert: Bei sämtlichen anderen deutschsprachigen Medien ist das Wort „Homosexuellenmilieu“ mittlerweile Geschichte. Denn der Begriff ist nicht nur „sprachlich völliger Unsinn“, so der Bund lesbischer und schwuler Journalisten (BLSJ): „Darüber hinaus zementieren solche Phrasen unbewusst Klischees über Homosexuelle, die damit kollektiv verunglimpft werden“.

Vielleicht waren gerade solche Ansichten der Grund, warum der 34-Jährige nach Berlin zog, um in der deutschen Hauptstadt sein Studium zu beenden – und von den konservativen Ansichten der Gesellschaft unbehelligt mit seinem Freund zusammen leben zu können.