Sofia Pride: „Ich will nicht immer Angst haben, totgeschlagen zu werden“

Aktivist Alfonso Pantisano war am Wochenende vor Ort bei der Sofia Pride - hier sind seine Eindrücke

Sofia Pride
Kaloyan Stanev

Eigentlich mache ich mir konstant etwas vor. „Nein, ich darf keine Angst haben.“ „Nein, ich habe keine Angst.“ Bullshit. Ich habe Angst. Immer wieder mal. Wenn ich mit meinem Freund in Berlin Hand in Hand durch die Stadt laufe, wenn ich mich in der Bahn dabei erwische, wie ich die Beine überschlagen habe und auch dann, wenn ich in der Umkleide meines Fitnessstudios, dann doch eine Sekunde zu lang, die Körper der anderen Jungs bewundere.

Meine Angst ist erfreulicherweise sehr unzuverlässig. Sie kommt, wann sie will. Meistens aber meldet sie sich nicht zu Wort. Doch ab und an steht sie plötzlich vor mir und ich muss schauen, wie ich mit ihr klar komme. Ich habe keine Ahnung, wie es wäre, wenn mich die Angst konstant begleiten würde, wenn sie ständig präsent wäre.

In Bulgarien haben Lesben und Schwule einen guten Grund, um ihr Leben zu fürchten

So wie es bei dem schwulen Jungen ist, den ich am Wochenende in Sofia, in der Hauptstadt Bulgariens kennengelernt habe. „Ich habe kein Bock mehr, immer dann, wenn ich das Haus verlasse, diese Angst zu haben, totgeschlagen zu werden.“ Als er das so ganz ruhig und traurig sagte, blieb mir kurz die Luft weg. Nein, dieses Gefühl kenne ich nicht. Dieses Gefühl hatte ich noch nie. Ich bin viel gereist, von Melbourne bis San Francisco und von Kapstadt über Dubai und Beirut bis nach Tel Aviv. Und überhaupt – in Europa war ich gefühlt schon überall. Nein, dieses Gefühl um mein Leben fürchten zu müssen, das hatte ich noch nie. Selbst in Dubai nicht. Aber, wie heißt es so schön? Es gibt für alles ein erstes Mal.

Nie habe ich mich in einer Stadt so unwohl gefühlt wie am letzten Wochenende in Sofia. An sich ist die Stadt wunderschön. Eine echte Reise wert. Und die vielen Menschen, die ich kennengelernt habe, sind eine echte Bereicherung. Aber immer, wenn ich allein aus dem Hotel raus bin, hatte ich dieses Gefühl. Diese Angst. Diese Angst totgeschlagen zu werden, nur weil ich so bin, wie ich bin. Nur weil ich schwul bin.

Ultranationalisten wollten während der Parade „den Müll von Sofias Straßen säubern“

Kein Wunder. Zum diesjährigen zehnten Sofia Pride war die Stimmung eine andere, eine viel gefährlichere als letztes Jahr. Da war ich zwar auch schon zum Pride in der Stadt, zum ersten Mal. Da war die Stimmung auch nicht ohne. Aber dieses Jahr war sie intensiver, viel beunruhigender als sonst.

Wie gesagt, kein Wunder, denn ein paar Tage vor der Regenbogendemonstration hatte sich – per Videobotschaft auf Facebook – der Rädelsführer der bulgarischen ultra-nationalistischen und rechtsradikalen Bewegung „Nationaler Widerstand“ zu Wort gemeldet und angekündigt, dass er zeitgleich mit dem Pride und dann auch noch am gleichen Ort des Prides, nämlich im grünen Park des Sowjetischen Kriegsdenkmals, gemeinsam mit seinen Kameraden dem Land einen Dienst erweisen und „den Müll von Sofias Straßen säubern“ wolle. Ein für alle Mal. Mit Müll meinte er die Lesben, Schwulen und all die vor allem jungen Menschen, die sich als Community unter dem Regenbogen versammeln.

Die Bürgermeisterin von Sofia sieht den rechtsextremen Umtrieben zu

Schlimm. Ganz schlimm sogar, aber wir reden jetzt nicht über Uganda oder Tschetschenien. Wir sprechen über Bulgarien. Einen Mitgliedsstaat der Europäischen Union. Und da dürfen wir erwarten, ja da erwarten wir, dass sich die Politik mit all ihrer Macht schützend vor ihre Minderheiten, vor ihre Bürger*innen stellt, wenn Rechtsextremisten derartige Drohungen äußern. In Bulgarien mussten wir allerdings lange darauf warten. Diese „Säuberungsaktion“ wurde sogar durch die Stadtverwaltung genehmigt.

Dass diese Rechtsextremisten ihre Kameraden im Vorfeld auch noch dazu animiert haben, „Werkzeuge mit langen Holzstangen“ mitzubringen, hat Yordanka Fandakova, die Bürgermeisterin der Stadt, überhaupt nicht beunruhigt. Schließlich hätten diese Patrioten nicht mit Gewalt gedroht, sondern sich für eine gemeinnützige Aufgabe angemeldet.

Der Druck der Europäischen Union hat die Sofia Pride dieses Jahr erst ermöglicht

Wir können von Glück reden, dass wir uns, wenn es darauf ankommt, dann doch noch auf die Solidarität aus allen möglichen Richtungen verlassen können. Der EU-Parlamentarier Guy Verhofstadt hat sich mit seiner Fraktion ALDE auf politischer Ebene dafür eingesetzt, dass sich die Stadtverwaltung Sofias an die Grundwerte der Europäischen Union erinnert, verschiedenste Menschenrechtsorganisationen aus aller Welt haben sehr kurzfristig mit Petitionen und Pressemitteilungen den Druck auf die Politik erhöht.

Es dürfte auch geholfen haben, dass sehr viele Menschen aus aller Welt die Botschaften Bulgariens angerufen und diese aufgefordert haben, die Menschen auf dem Pride zu beschützen. Das hat die mag für die Mitarbeiter*innen der bulgarischen Botschaften in Berlin, London und New York zwar extrem lästig gewesen sein, hat sie aber zum Handeln bewegt. Die Polizeipräsenz wurde erhöht. Immerhin.

Weil viele Botschafter mitmarschierten, musste die Polizei den Regenbogenmarsch schützen

Aber auf die Polizei konnten sich die Veranstalter*innen des Prides in den letzten 10 Jahren nicht wirklich verlassen. Viele Ordnungshüter, die meisten von ihnen Männer, haben in der Vergangenheit bei Bedrohungen und Angriffen weggeschaut. Was zur Folge hat, dass die Organisator*innen des Prides, die ohnehin sehr wenig Geld für die Durchführung ihres Marsches zur Verfügung haben, mittlerweile jedes Jahr private Sicherheitskräfte beschäftigen müssen, um im Notfall den Job der Polizei zu übernehmen.

All das hat sicherlich geholfen. Doch, da muss ich ehrlich sein, erst das persönliche Erscheinen vieler Botschafter*innen auf dem Pride hat der LGBTI-Community wirklich als Schutzschild gedient und den sicheren und friedlichen Verlauf der Demonstration garantiert.

Zum Schluß hieß es: Fünfzig Rechtsextreme gegen 3000 Teilnehmer der Sofia Pride

Die Rechtsextremen kamen in Springerstiefeln, mit rasiertem Schädel und vor allem ganz in schwarz. Schwarz in der Klamotte aber auch schwarz in ihrer Seele. Welch ein Kontrast zur bunten Farbkombination des Regenbogens. Am Ende haben sich um die 50 Patrioten zusammengerottet. Ob sie dann im Park leere Bierflaschen eingesammelt oder gar eigene liegengelassen haben, kann ich nicht wirklich sagen, da die Polizei uns in letzter Minute so weit abgeschottet hatte, dass wir nicht viel von ihnen mitbekommen haben.

Aber ich vermute, sie werden sich den Frust weggesoffen haben, denn: wir sind marschiert. Dreitausend von uns. Und mit uns auch mehrere heterosexuelle Eltern mit ihren Kindern, die, während sie mit einer Hand den Kinderwagen vor sich her schoben, mit der anderen, eine kleine Regenbogenfahne schwenkten. Sicher. Voller Freude. Und Stolz.

Die Community in Sofia wächst immer mehr zusammen und lässt sich immer weniger einschüchtern. Doch sie fragt sich jetzt schon, einen Tag nach dem erfolgreichen Pride, womit sie nächstes Jahr zu rechnen hat, wenn Bulgarien den Vorsitz des Europarates übernehmen wird. Darüber wollen sie dringend reden. Und vielleicht können sie dann alle nächstes Jahr endlich einen Pride planen – ohne die Angst. Das wäre den vielen engagierten Aktivist*innen vor Ort sehr zu wünschen. Es wird höchste Zeit!


Alfonso Pantisano ist LGBT-Aktivist und lebt in Berlin. Er war einer der Mitbegründer der Plattform „ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH!“.