„Ist das irre“: Kanzler Kern bei der Regen-Bogenparade

Regen am Himmel, Sonne im Herzen: 185.000 Teilnehmer sind ein neuer Rekord

Regenbogenparade 2017
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In Wien hat am Samstag zum 22. Mal die Regenbogenparade stattgefunden. Bei bewölktem Himmel und leichtem Regen marschierten nach Angaben der HOSI Wien 185.000 Teilnehmer andersrum über die Ringstraße. Bei der Abschlusskundgebung auf dem Rathausplatz waren zahlreiche Spitzenpolitiker anwesend, unter anderem Bundeskanzler Christian Kern.

Angeführt wurde die Regenbogenparade auch dieses Jahr wieder von zwei Straßenbahnen in Regenbogenfarben und einer Motorradstaffel. Dahinter marschierten und fuhren die insgesamt 67 angemeldeten Gruppen – vom LMC Vienna über Microsoft, die ÖBB bis zur Aids Hilfe Wien, die mit ihrem Truck die Prämierung für den besten Wagen gewann. Hermes Phettberg, früher im Fiaker unterwegs, saß wie auch schon im letzten Jahr in einem Mercedes-Oldtimer.

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Mitmarschiert ist auch eine Delegation von Diplomaten in Österreich: die diplomatischen Vertretungen Australiens, Belgiens, Bulgariens, Dänemarks, Deutschlands, Estlands, Finnlands, Frankreichs, Georgiens, Griechenlands, Islands, Italiens, Kanadas, Litauens, Luxemburgs, Montenegros, Neuseelands, der Niederlande, Norwegens, Rumäniens, Schwedens, der Schweiz, Serbiens, Sloweniens, Spaniens, des Vereinigten Königreichs, der Vereinigten Staaten von Amerika sowie Zyperns, haben gemeinsam mit der Vertretung der Europäischen Kommission und der in Wien ansässigen Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) als „Diplomatinnen und Diplomaten für Gleichbehandlung!“ an der Parade teilgenommen.

„Many colours – one community“ – zu unpolitisch in Zeiten wie diesen?

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Das Motto der Regenbogenparade lautete dieses Jahr „Many colours – one community“. Für einige Aktivisten war diese Wahl in einer Zeit, in der schwule Männer in Tschetschenien verfolgt werden und die Ehe für alle in Österreich noch immer nicht möglich ist, zu unpolitisch. Sie verwiesen auf einige deutsche Städte.

So feiert Köln dieses Jahr unter dem Motto „Nie wieder“ mit einem Logo, in dem rosa und schwarze Winkel zu sehen sind, mit denen die Nationalsozialisten schwule Männer und lesbische Frauen in den Konzentrationslagern gebrandmarkt haben. In Berlin steht der CSD unter dem Motto „Mehr von uns – jede Stimme gegen Rechts“.

Doch trotzdem wurde auch durch viele der teilnehmenden Gruppen klar, dass es sich bei der Regenbogenparade um eine politische Veranstaltung handelt – mit der Forderung, die Diskriminierung von sexuellen Minderheiten zu beenden. Um 17.00 Uhr stoppte der Zug und die Wagen unterbrachen die Musik, um traditionell jenen zu gedenken, die an den Folgen von Aids gestorben sind. Seit einigen Jahren wird diese Minute des Gedenkens auch jenen gewidmet, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität Opfer eines Gewaltverbrechens wurden.

„Ihr repräsentiert, was Österreich ausmacht“: Kanzler Kern bei der Abschlusskundgebung

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Nachdem die Gruppen ihren Zug über die Ringstraße beendet hatten, gab es am Rathausplatz, wo das Pride Village aufgebaut war, die Abschlusskundgebung. Dort hielten unter anderem Bundeskanzler Christian Kern von der SPÖ, die offen lesbische Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek von den Grünen und NEOS-Chef Matthias Strolz Reden. Von der Volkspartei und der FPÖ war kein Vertreter anwesend.

Kern, der zum zweiten Mal auf der Regenbogenparade sprach, sagte bei der Abschlussveranstaltung. „Ist das irre“, freute er sich über die Mengen am Rathausplatz, die ihm zujubelten. „Heute ist es mir ganz, ganz wichtig zu sagen, dass ich nicht als Privatperson da bin, sondern als Bundeskanzler. Und zwar deshalb, damit diese Veranstaltung, eure Parade a bissel an offiziösen Anstrich bekommt.“

Er betonte den Fortschritt in der gesellschaftlichen Integration: „Das macht mir eine diebische Freude, dass ihr in der Mitte der Gesellschaft steht und das repräsentiert, was Österreich ausmacht: Buntheit, Vielfalt und Offenheit.“ Allerdings wurde sein Auftritt auch kritisch von Teilnehmern gesehen – hat die SPÖ doch im Parlament vor einem Monat gegen eine Öffnung der Ehe gestimmt.

Lunacek: Grüne Spitzenkandidatin outet sich als Paraden-Veteranin

„Ich war schon 1996, bei der ersten Parade, dabei. Es ist mir selbst als lesbischer Frau ein Anliegen“, sagt Lunacek. Sie habe „nie verstanden“, warum sich jemand verstecken solle: „In wen du dich verliebst, das passiert dir, das ist nichts, was du dir aussuchst.“ Es sei deshalb „wichtig, auch sichtbar und offen zu sein und den öffentlichen Raum zu besetzen“, erklärte die Spitzenkandidatin der Grünen, die in ihrer Rede erneut die Öffnung der Ehe forderte.

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Außerdem nahmen auch der für Antidiskriminierung zuständige Stadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) sowie Staatssekretärin Muna Duzdar (SPÖ), Gesundheits- und Frauenministerin Pamela Rendi- Wagner (SPÖ) und Bundesrätin Ewa Dziedzic (Grüne) an der Parade teil.

Nach den sehr kurzen Redebeiträgen gab es ein Musik- und Tanzprogramm, moderiert von der Grazer Drag-Künstlerin Alexandra Desmond. Top-Act war Nathan Trent, der Österreich vor einem Monat beim Song Contest in Kiew vertreten hat.

Höhere Sicherheitsvorkehrungen, gelungene Probe für die EuroPride 2019

Die HOSI Wien als Veranstalterin war mit der Parade zufrieden. Doch so unbeschwert wie in den letzten Jahren war die Parade nicht: „Entsprechend der geänderten Sicherheitslage haben wir in Absprache mit den Behörden zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen“, erklärte HOSI-Wien-Obmann Christian Högl. Unter anderem begleiteten deutlich mehr Beamte als sonst in Uniform und in Zivil die Parade.

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Seit den Anschlägen auf das „Pulse“ in Orlando beobachtet Högl auch eine zunehmende Politisierung der Community. Einerseits sei heutzutage in der Mehrheitsgesellschaft Solidarität mit Homosexuellen spürbar, andererseits sei noch viel zu tun: „Dadurch, dass rechtlich fast alles erreicht ist, beginnt unsere Arbeit erst.“ Denn die rechtliche Gleichstellung sei die Basis für gesellschaftliche Veränderungen, so der Obmann der HOSI Wien.

Auch Katharina Kacerovsky, Geschäftsführerin der Stonewall GmbH, die das neuntägige Festival Vienna Pride organisiert hat, ist zufrieden. Für sie war die diesjährige Vienna Pride „so umfangreich und divers wie noch nie“. Das sei „ein guter Grundstein für die EuroPride 2019“, die nach 2001 zum zweiten Mal in Wien stattfinden soll.

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Die Regenbogenparade erinnert an den ersten bekannt gewordenen Aufstand von Homosexuellen gegen Polizeiwillkür und Diskriminierung. Am 28. Juni 1969 wehrten sich schwule Männer in der Christopher Street im New Yorker Stadtteil Greenwich Village gegen eine gewalttätige Razzia. In Folge kam es zu mehrtägigen Straßenschlachten gegen die Polizei.

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