Verfolgte Christen und geheilte Lesben: Wiener Pfarre sorgt für Unmut

Im Pfarrblatt von St. Rochus kommt eine "geheilte" Lesbe zu Wort, und der Pfarrer fürchtet, wegen dem Nein zur Ehe-Öffnung "verfolgt" zu werden

Priester
Symbolbild - Fotolia

Für Irritationen sorgt derzeit die römisch-katholische Pfarre St. Rochus im dritten Wiener Gemeindebezirk: In der aktuellen Ausgabe des Pfarrblattes beschreibt eine Lesbe ihre „Heilung“, nachdem der Pfarrer Gegner der Ehe-Öffnung als Verfolgte darstellt. Von der Erzdiözese Wien gibt es zu dem Artikel noch keine Stellungnahme.

Schon im Vorwort des Blattes erklärt Pater Florian, der die Gemeinde leitet, dass „viele in der Gesellschaft zur Ehe für alle tendieren“, es aber „genügend Befunde“ dafür gebe, dass die Ehe „nur zwischen Mann und Frau bestehen kann“.

Man muss für das Nein zur Ehe-Öffnung einstehen „selbst unter Verfolgungen…“

„Sich zu dieser Glaubensüberzeugung öffentlich zu bekennen, fordert insofern Mut als sie auf heftigen Widerspruch stoßen bzw. einen in Gegensatz zur gängigen Rechtsprechung bringen kann“, argumentiert der Geistliche mit der Opferrolle – und ignoriert dabei, dass es die römisch-katholische Kirche ist, die eine völlige Gleichstellung mit ihrer Lobbyarbeit verhindert hat.

Und er geht noch einen Schritt weiter: Sollten die Gegner der Ehe-Öffnung, wie sämtliche Umfragen belegen, wirklich in der Minderheit sein, „dann müssen wir das aushalten und dennoch dafür einstehen, selbst unter Verfolgungen…“

Gläubige Christin erzählt, wie sie von ihrer Homosexualität „geheilt“ wurde

Einige Seiten weiter steht Ursula Maria Jesko dem Pfarrblatt Rede und Antwort. Die gebürtige Deutsche habe „mehr als 20 Jahre in lesbischen Beziehungen gelebt“ und habe sich „als gläubige Christin“ mit der Ehe für alle beschäftigt, heißt es im Einleitungstext.

Ihre Homosexualität sei die „Konsequenz“ von „traumatischen Erlebnissen“ gewesen, so Jesko, die auch versucht, Lesben und Schwule mit einer eigenen Webseite zu bekehren: „Von Jahr zu Jahr rutschte ich immer tiefer in den Sumpf der homosexuellen Begierden“, erklärt sie – fast bis zum Selbstmord. Schließlich „heilte“ sie Jesus. Sie erklärt, dass durch die „Heilung“ ihrer „homosexuellen Neigung“ diese jetzt „für mich keine Last mehr“ bedeute.

„Lebenslügen halten Homosexuelle davon ab, diese Lebensform aufzugeben“

Vielmehr wolle sie „aufgrund meiner persönlichen Lebenserfahrung homosexuell empfindenden Personen“ empfehlen, „sich ganz ehrlich damit auseinanderzusetzen, was die Ursachen und Gründe ihrer homosexuellen Neigung sind und die Lebenslügen aufzudecken, die sie davon abhalten, diese Lebensform aufzugeben“. Als Lesbe hätte sie „leidvoll erfahren“, dass alles Gottes Ordnung unterliegt – und „alles, was sich über diese Ordnung erhebt, und das ist u.a. die ‚Ehe für alle‘, ungeordnet ist und Unordnung bringt.“

Jesko erzählt auch, dass sie gemeinsam mit einem schwulen Freund ein Kind bekommen wollte: „Gottlob habe ich dann erkennen dürfen, dass ein Kind seinen Vater und seine Mutter braucht, um gut gedeihen zu können, und ließ von dieser absurden Idee ab.“ Wenn sie heute ein lesbisches Paar sehe, „wünsche ich ihnen von ganzem Herzen, dass (…) jede von ihnen den ‚Irrweg‘ erkennen (…) kann.“

Kritik an Pfarrblatt: „Sexuelle Vorlieben sind kein Irrweg“

Das Editorial des Pfarrers und das Interview mit der angeblich „geheilten“ Lesbe sorgt für Kritik: „Homosexualität als Krankheit zu definieren ist so diskriminierend wie gefährlich. Denn die Logik des Denkens führt direkt in die geschlossene Psychiatrie.“, schreibt Matthias Winterer in einem Kommentar für die Wiener Zeitung.

„Sexuelle Vorlieben zum Leiden zu erklären stigmatisiert Menschen. Sie sind kein ‚Irrweg‘. Sie sind kein ‚Sumpf‘. Und sie sind schon gar kein Gebrechen. Immerhin wird Homosexualität weltweit seit 25 Jahren nicht mehr als Krankheit gesehen. Die WHO strich sie 1992 aus ihrem Diagnosekatalog.“, macht er weiter klar.

Die Pfarre St. Rochus hinke dem zeitgemäßen Diskurs hinterher. „So bedenklich die privaten Ansichten Ursulas auch sein mögen, sie sind nicht das Problem. Sie als Argument gegen die Ehe für alle zu missbrauchen, ist der eigentliche Fauxpas“, ist die Schlussfolgerung von Winterer.

Keine Stellungnahme von Kardinal Schönborn zum Pfarrblatt von St. Rochus

Auch auf Twitter fordern User nun, dass sich die Erzdiözese Wien oder Kardinal Christoph Schönborn sich zu den Inhalten des Pfarrblatts äußern. Immer hin würde die Pfarre durch den Kirchenbeitrag finanziert – und damit auch durch das Geld offen schwul oder lesbisch lebender Christen.

Doch in St. Stephan schweigt man lieber – und versucht offenbar, die unbequeme Affäre auszusitzen. Unterdessen wird das Interview mit Jeskoin katholisch-konservativen Kreisen fleißig geteilt: Das Portal kath.net, das zuletzt durch einen umstrittenen „Hirtenbrief“ des Salzburger Weihbischofs Andreas Laun auffiel, hat den Text auf seiner Homepage ebenfalls veröffentlicht.