„Auch gleichgeschlechtliche Paare sind gleichwertige Familien“

Nationalrat Mario Lindner antwortet dem Chefredakteur der "Kleinen Zeitung" auf dessen umstrittenen Kommentar

Kleine Zeitung
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Lieber Hubert Patterer,

dass ich mit Gerald Grosz in einer politischen Debatte derselben Meinung bin, kommt wahrlich nicht jeden Tag vor. In der Frage der „Ehe für alle“ ist das aber wohl kaum zu vermeiden.

Wenn auch nicht unbedingt in der Wortwahl, so trifft er doch im Inhalt, worum es in dieser Diskussion eigentlich geht: Durch die Öffnung der Ehe für alle Paare in Österreich verliert keine bestehende Ehe irgendwelche Rechte, kein Kind wird mehr oder weniger geboren – alles was passiert, ist dass unser Staat damit auch gleichgeschlechtliche Paare endlich als das anerkennt, was sie sind: Gleichwertige Familien mit denselben Rechten und Pflichten, wie alle anderen auch.

Die Öffnung der Ehe war längst überfällig

Dass dieser Schritt längst überfällig war hat jetzt nicht nur der VfGH bestätigt, das sieht auch die große Mehrheit der ÖsterreicherInnen seit Jahren in jeder Erhebung so. Enttäuschend ist wohl nur, dass es wieder einmal ein Gerichtsurteil brauchte, um eine Frage zu lösen, in der sich die Politik nicht einigen konnte.

Damit stehen wir beispielweise in krassem Gegensatz zu Großbritannien. Dort trieben die Konservativen die Ehe-Öffnung voran, um genau das zu erreichen, was Sie in Ihrer Antwort auf Herrn Grosz einer gleichgeschlechtlichen Ehe abgesprochen haben. Nämlich deren Partnerschaft und ja, auch ihre möglichen Kinder, abzusichern und die staatliche geschützte Institution der Ehe zu stärken.

Die Ehe ist nicht die einzige Verbindung, aus der neues Leben hervorgehen kann

Genau deshalb muss ich Ihrer Aussage, dass die „Ehe nun einmal die einzige Verbindung ist, aus der neues Leben hervorgehen kann“ so entschieden widersprechen. Lassen wir einmal außer Acht, dass heute mehr als Hälfte der Kinder ohne Trauschein der Eltern geboren werden. Fakt ist: Unsere Gesellschaft ist schon lange über das Vater-Mutter-Kind Modell einer Familie hinausgewachsen. Familie, das sind heute auch Alleinerziehende, Patchwork-Familien, Wiederverheiratete und Regenbogenfamilien.

Wer diese Vielfalt ignoriert, tut nichts anderes, als all diesen Familienformen Steine in den Weg zu legen. Der Staat hat nicht die Aufgabe, ein bestimmtes Familienmodell zu fördern, dass er aus ideologischen oder historischen Gründen bevorzugt – er muss die bestmögliche Absicherung und Würde für alle Partnerschaften und insbesondere deren Kinder garantieren. Mit der Öffnung der Ehe (und der Eingetragenen Partnerschaft) für alle sind wir diesem Ziel wieder einen Schritt näher gekommen.

Die „Ächtung und Repression“ gegenüber Homosexuellen ist noch nicht überwunden

Was ich aber nicht ignorieren kann, ist Ihre Behauptung, dass die „Ächtung und Repression“ gegenüber Homosexuellen „überwunden“ sei. Ja, wir haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel erreicht im Kampf gegen Diskriminierung. Aber Homophobie und leider auch Gewalt sind noch immer alles andere, als überwunden.

Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, reichen von Hasskommentaren im Netz über Beschimpfungen im öffentlichen Raum bis hin zu Gewalt und Übergriffen. Davor dürfen wir bei allen Fortschritten nicht die Augen verschließen. Und sowohl die Politik, als auch die Medien haben eigentlich die Aufgabe, nicht auf „heile Welt“ zu spielen, sondern diese Probleme zu thematisieren, Bewusstsein zu schaffen und Lösungen zu finden.

Trotz aller politischen Unterschiede wollen wir doch alle eine Gesellschaft, in der sich jede und jeder frei entfalten und sicher leben kann. Und genau darüber sollten wir diskutieren.

Ich darf Ihnen außerdem diese Studie der WAST Wien ans Herz legen: https://www.wien.gv.at/menschen/queer/schwerpunkte/wast-studie.html