Verschwundener Popsänger: Tschetschenischer Präsident beschuldigt Familie

„Sie haben ihn zurück nach Hause gerufen, und ihn beschuldigt, ‚einer von denen‘ zu sein“

Zelimkhan Bakayev
Zelimkhan Bakayev/Twitter

In einer etwas wirren Rede deutet der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow erstmals an, dass der beliebte Popsänger Zelimkhan Bakayev wegen seiner Homosexualität umgebracht worden sein könnte – und weist gleichzeitig jede Schuld daran von sich.

Zeugen zufolge wurde Zelimkhan Bakayev von der Polizei mitgenommen und ermordet

Bakayev, der seit Jahren in Moskau lebte, war am 8. August verschwunden, nachdem er seine Heimatstadt Grosny besucht hatte. „Er ist in Grosny angekommen und wurde von der Polizei innerhalb von drei Stunden mitgenommen“, bericxhtete damals eine anonyme Quelle der US-Webseite NewNowNext: „Innerhalb von zehn Stunden wurde er ermordet.“

Nachdem das Verschwinden des beliebten Sängers öffentlich wurde, wiesen die tschetschenischen Behörden zunächst jeden Zusammenhang damit von sich. Sie behaupteten, der junge Sänger habe das Land verlassen. Das regionale Fernsehen berichtete, er habe seiner Mutter und seiner Tante im September über WhatsApp eine Nachricht geschrieben, dass es ihm gut gehe und er im Ausland sei. Danach sei das Telefon nicht mehr zu erreichen gewesen.

Präsident Ramsan Kadyrow gibt der Familie die Schuld am Verschwinden des Sängers

Nun hat sich erstmals auch der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow in diesem Fall zu Wort gemeldet. In einer im Fernsehen übertragenen Ansprache vor Sicherheitskräften sagte der Staatschef dem Online-Portal queer.de zufolge etwas verwirrt über Bakayev: „Seine Verwandten, die nicht auf ihn aufgepasst haben und sich schämten, dass er einer von ihnen war, sagen nun, dass Kadyrow ihn genommen habe.“

Zelimkhan Bakayev und Ramsan Kadyrow
Zelimkhan Bakayev/Instagram

Stattdessen habe die Familie den 26-Jährigen verschwinden lassen, behauptet der Staatschef: „Sie haben ihn zurück nach Hause gerufen, und seine Brüder, so scheint es, haben ihn beschuldigt, ‚einer von denen‘ zu sein. Gibt es keinen einzigen Mann in ihrem Dort? Haben sie irgendeinen Mann in der Familie? Sie haben gewusst, was diese Person gemacht hat“, so Kadyrow: „Als ob keiner gesagt hätte: ‚Er gehört zu uns, wir haben es getan.“

Die Familie wisse sehr genau, was er in Moskau gemacht habe, zündet Kadyrow eine Nebelgranate, ohne Beweise dafür vorzulegen. Eine Verwicklung tschetschenischer Behörden in das Verschwinden von Bakayev wies er zurück: „Habt ihr gesehen, dass ich einen solchen Befehl gegeben hätte?“

Der Vater von Zelimkhan Bakayev weist die Anschuldigungen empört zurück

Der Vater von Zelimkhan Bakayev wies die Anschuldigungen in einem Radiointerview zurück. Er sagte am Donnerstag, niemand aus seiner Familie habe seinen Sohn umgebracht. Auch verneinte er, dass der 26-Jährige schwul gewesen sei. Auch Freunde des Sängers sagten, sie glaubten nicht an eine Beteiligung der Familie am Verschwinden des jungen Mannes.

Die Rede von Kadyrow ist auch aus einem anderen Grund bemerkenswert: Denn indirekt hat der tschetschenische Präsident das erste Mal die Existenz schwuler Männer in der Kaukasusrepublik bestätigt – neun Monate nach den ersten Informationen über ihre Verschleppung.

Die Verschleppung schwuler und bisexueller Männer in Tschetschenien geht weiter

In der Vergangenheit leugnete er nämlich, dass es in Tschetschenien überhaupt schwule Männer gäbe. In einem Interview mit dem Kabelsender HBO sagte Kadyrow letzten Juli: „Wir haben hier keine dieser Leute. Wir haben keine Schwulen. Wenn es welche gibt, bringt sie nach Kanada. Gott sei gepriesen. Bringt sie sehr weit weg von uns, so dass wir sie nicht hier zu Hause haben. Um unser Blut zu reinigen: Wenn es hier irgendwelche gibt, nehmt sie.“ Anschließend billigte er den Ehrenmord an schwulen Männern durch ihre Familien.

Anfang April wurde erstmals über die gezielte Verschleppung und Folter schwuler Männer in der Kaukasus-Republik Tschetschenien berichtet. Informationen des russischen LGBT-Network zufolge dürften seit Anfang Juni mehr als 200 mutmaßlich schwule Männer in tschetschenischen Geheimgefängnissen eingesperrt gewesen sein. Wie das russische LGBT-Network mitteilte, habe es Beweise, dass die Verfolgung schwuler Männer in Tschetschenien noch immer anhalte.