Flucht ins Ausland für schwule Tschetschenen die sicherste Möglichkeit

Das russische LGBT-Network hat 114 Menschen bei der Flucht geholfen

Schwuler Tschetschene in Moskau
France 24/YouTube

Mehr als ein Jahr, nachdem die planmäßige Verfolgung schwuler und bisexueller Männer in Tschetschenien öffentlich gemacht wurde, hat die Organisation LGBT-Network eine erste Bilanz gezogen. Insgesamt konnte das russische LGBT-Network 114 Menschen bei der Flucht aus Tschetschenien helfen, erklärte Igor Koschetkow von der Hilfsorganisation letzte Woche bei einer Pressekonferenz.

114 Betroffene wurden vom LGBT-Network gerettet, 92 davon sind jetzt im Ausland

Aus Sicherheitsgründen sind 92 der Betroffenen ihnen bereits im Ausland. Sie befinden sich in Ländern wie Kanada, Frankreich, Litauen oder Deutschland in Sicherheit. Diese Staaten haben schwulen Männern aus Tschetschenien Asyl gewährt – als Zeichen der Solidarität mit der LGBT-Community und deutliches Signal für die Wahrung der westlichen Grundwerte.

In Russland wären sie weiterhin in Lebensgefahr: Denn die tschetschenischen Behörden hätten Zugriff auf russische Meldedaten, und die Gefahr, dass Verwandte den Geflüchteten finden, ist zu groß. So wurden drei Personen, zu denen das LGBT-Network Kontakt hatte, von ihrer Familie entführt. Mindestens einer von ihnen soll mittlerweile tot sein.

Trotz der Erfahrungen der Organisation will das BFA in Österreich schwule Tschetschenen weiter abschieben

Eine Argumentation, die das österreichische Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) offenbar nicht kennt. Die Behörde, die dem Innenministerium untersteht, hat in den letzten Wochen mehrere negative Asylbescheide für schwule Tschetschenen ausgestellt. Die Begründung des Amtes: Da es in russischen Städten wie Moskau eine LGBT-Szene gebe, sei Schutz für die Betroffenen nicht notwendig.

Unter den 114 Menschen, denen die Organisation geholfen hat, waren 41 von Folter und Verschleppung direkt betroffen, erklärte Koschetkow. 14 Männer wurden zu Hause von der tschetschenischen Polizei bedroht oder sollten gezwungen werden, andere Schwule zu verraten. Sieben Männer suchten die Hilfe der Hotline, nachdem sie erfahren hatten, dass Bekannte inhaftiert wurden – und damit auch ihre Sicherheit gefährdet sei. Bei 30 Personen handelte es sich um gefährdete Familienangehörige wie Ehefrauen und Kinder.

Ein Kontakt ist nach Tschetschenien zuückgekehrt – ob er noch lebt, ist unklar

Sieben Personen wurden von ihren eigenen Verwandten bedroht. Zu fünf Personen, mit denen man in Kontakt war, hat das LGBT-Network keine Informationen mehr. Eine von ihnen sei nach Tschetschenien zurückgekehrt. Ob sie noch lebe, wisse man nicht, so Koschetkow.

Kadyrow-Sprecher Alwi Karimow bestreitet unterdessen gegenüber der Nachrichtenagentur Interfax weitßer, dass es Lesben und Schwule in Tschetschenien überhaupt gebe: „Auch wenn es solche Leute in Tschetschenien gebe, müssten sich unsere Strafverfolgungsbehörden nicht damit beschäftigen, weil sie ihre eigenen Verwandten einfach an einen Ort schicken würden, von dem sie nie mehr zurückkehren.“