Zensur homosexueller Inhalte: „Chinesisches Twitter“ rudert zurück

Kurznachrichtendienst Weibo entschuldigt sich nach einer Welle der Empörung über die Zensurversuche

Sujetbild: Laptop
Sujetbild - Adobe Stock

Nach einem Sturm der Entrüstung wird das „chinesische Twitter“, der Kurznachrichtendienst Weibo, homosexuelle Inhalte nun doch wieder zulassen. Das hat das Unternehmen am Montag mitgeteilt. Die am Freitag angekündigte „Säuberungskampagne“ würde nun nicht mehr, wie zuvor angekündigt, auch auf „homosexuelle Inhalte“ abzielen.

Zur Absicherung einer „sauberen und harmonischen Gesellschaft“ sollten Homo-Inhalte zensiert werden

Weibo, das 340 Millionen Nutzer hat, hatte vor dem Wochenende bekanntgegeben, dass Comics, Spiele, Texte und Videos in den nächsten drei Monaten genau auf Pornografie, blutige Gewalt und Homosexualität überwacht und gegebenenfalls zensiert würden. „Damit wollen wir künftig eine saubere und harmonische Gesellschaft absichern“, hieß es in der Stellungname. Mehr als 50.000 Posts seien schon gelöscht worden.

Argumentiert wurde die Säuberung mit strikteren Internet-Gesetzen, die seit letztem Jahr in Kraft sind. Und wirklich: Wie der Zensur-Tracker FreeWeibo feststellte, war bis zum frühen Montagmorgen „Homosexualität“ der Begriff, der bei Weibo am häufigsten zensiert wurde.

Mit dieser Welle der Solidarisierung dürfte Weibo nicht gerechnet haben

Doch dass auch Homosexualität auf der Liste der überwachten Begriffe steht, hat in China für Empörung gesorgt. Fast 300 Millionen Mal haben sich User unter Hashtags wie „#IAmGay“ solidarisiert. Sie haben Fotos von sich, mit ihren Partnern oder schwulen Freunden und Verwandten hochgeladen. Am Wochenende wurden auch diese Hashtags schließlich von der Zensur blockiert.

Doch die allmächtige Kommunistische Partei Chinas dürfte das Zeichen verstanden haben. So hat auch das Parteiorgan „Volkszeitung“ den Schritt von Weibo kritisiert. Der Kurznachrichtendienst sei zu weit gegangen, so das Blatt – auch wenn „vulgäre“ Inhalte unabhängig der sexuellen Orientierung gelöscht werden müssten. Die Parteizeitung forderte Toleranz gegenüber Homosexualität, die so „normal“ wie Bisexualität sei – und „definitiv keine Krankheit“, wie es lange in China hieß.

„Wir danken jedem für die Diskussion“, rudert der Dienst zerknirscht zurück

Weibo gab schließlich nach: Montagfrüh hat das Unternehmen bekanntgegeben, dass die „Säuberungskampagne“ nicht mehr länger homosexuelle Inhalte betreffe. „Wir danken jedem für die Diskussion und die Vorschläge“, so der Kurznachrichtendienst.

Homosexualität galt in China lange als Geistesstörung. Unter den Folgen der Tabuisierung leidet die LGBT-Community in China noch heute: Oft sind sexuelle Minderheiten in China noch ein Tabuthema – obwohl Homosexualität seit 1997 straffrei ist.

Homosexualität ist in China noch immer ein Tabu-Thema

Einer Studie des Pew-Instituts zufolge glaubten im Jahr 2013 nur 21 Prozent der Chinesen, dass die Gesellschaft Homosexualität akzeptiere. Bei medizinisch gefährlichen „Umwandlungstherapien“ in chinesischen Krankenhäusern werden den Betroffenen nach Informationen der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) unbekannte Medikamente oder Elektroschocks verabreicht.

Besondern in den letzten Monaten gehen die Behörden wieder stärker gegen angebliche moralische Verfehlungen sexueller Minderheiten vor – eine Auswirkung der konservativen Wende in China.