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Dresden: Ist HIV-Infektion für Lokalblatt schlimmer als Kinderpornos?

Zeitung macht Jagd auf Tschechen - der wahrscheinlich gar nicht in Sachsen sein kann

Zdenek P. - Polizei Most

Zdenek P. - Polizei Most
22.01.2016 | 16:29 | von Andreas Markus

Ein tschechischer Haftbefehl sorgt in Sachsen für Aufregung: Ein Mann wird unter anderem wegen Produktion von Kinderpornografie und wissentlicher Ansteckung mit HIV in zwei Fällen international gesucht - doch in ihrer Berichterstattung ignoriert eine Dresdner Zeitung die Kinderporno-Vorwürfe, um eine Horrorgeschichte um einen „HIV-Mann, der Menschen absichtlich ansteckt“ schreiben zu können.

Warnung vor HIV-Positivem Tschechen

Gleich vier unverpixelte Fotos von Zdenek P. bringt die „Dresdner Morgenpost“, dazu die Überschrift „Vorsicht vor diesem Mann!“ Und dieser ist so gefährlich, dass man in einem Satz gleich zwei Mal auf seine Infektion hinweisen muss. „Der HIV-positiv getestete Zdenek P. [Nachname von GGG.at gekürzt] (48) aus dem grenznahen, nordböhmischen Most ist HIV-positiv. Seinen zahlreichen, wechselnden Sex-Partnern, die er größtenteils über das Internet kennen lernte, sagte er nichts davon“, schreibt das Blatt. Zwei Männer habe er mit „fast hundertprozentiger Sicherheit angesteckt“, darunter einen Minderjährigen.

Und weil Most in der Nähe der deutschen Grenze ist, könnte es unter den 1.200 Männern, mit denen er gechattet hat, auch Deutsche geben: „Laut der Nachforschungen über die sozialen Netze ist nicht ausgeschlossen, dass er auch in Sachsen Kontakte pflegte“, zitiert die „Dresdner Morgenpost“ eine tschechische Polizeisprecherin.

Gefährlich ist der Mann - aber nicht wegen seiner HIV-Infektion

Warum die tschechischen Behörden Zdenek P. wirklich zur Fahndung ausgeschrieben haben, verschweigt das Blatt allerdings. Zwar gehören auch schwere Körperverletzung und Ausbreitung von Infektionskrankheiten zu den ihm vorgeworfenen Taten - doch schnappen will man ihn vor allem, weil ihm auch der Besitz und die Produktion von Kinderpornografie vorgeworfen wird.

Aber die „Dresdner Morgenpost“ erzählt lieber ihre Geschichte weiter, auch wenn man dafür etwas kräftiger formulieren muss: „Zdenek P. gab gegenüber seinen Opfern stets an, gesund zu sein, obwohl er seit 2013 weiß, dass er HIV-positiv ist“, schreibt das Boulevardblatt.

Doch auf der anderen Seite der Grenze klingt das etwas anders. „Einige der Partner hatten ihn nach HIV gefragt und er antwortete immer, das alles in Ordnung sei. Ein Kondom hat er nur benutzt, wenn dies vom Partner verlangt wurde.“, schreibt das Portal Blesk.cz.

1.200 Kontakte oder doch nur 16?

Die Behörden seien mit 16 Männern aus ganz Tschechien in Kontakt, mit denen Zdenek P. Oral- oder Analsex hatte - eine Zahl, die von den 1.200 Chatkontakten, über die die „Dresdner Morgenpost“ berichtet, erheblich abweicht. Konkret habe ein 15-Jähriger ausgesagt, sich bei P. angesteckt zu haben. In einem zweiten Fall wird eine Infektion für möglich gehalten.

Dass aus einer Geschichte über einen Kinderporno-Produzenten eine allgemeine Warnung vor einem HIV-Positiven wird, könnte für die „Dresdner Morgenpost“ noch ein Nachspiel haben. Das Portal queer.de hat gegen die Zeitung eine Beschwerde beim Deutschen Presserat eingereicht.

Gesuchter wird nicht in Dresden vermutet

Die Warnung vor Zdenek P. ist übrigens auch aus einem anderen Grund ziemlich übertrieben: Informationen der tschechischen Polizei zufolge hat er sich, nachdem er aus der Untersuchungshaft entweichen konnte, am 5. Juni mit einem One-Way-Ticket nach Thailand abgesetzt. Und dort wird er jetzt mit dem Haftbefehl aus seiner Heimat gesucht.

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