Anglikanische Kirche vor Spaltung?

Nach Ansicht der Londoner Tageszeitung „The Times“ steuert die anglikanische Weltgemeinschaft immer weiter auf eine Spaltung zu. Auslöser könnte ein Streit um den offiziellen Umgang der Kirche mit Homosexualität sein.

Während liberale Kirchen, vor allem in Europa und Nordamerika, kein Problem mit Homosexualität haben und sogar offen schwule Priester zum Bischof weihen, stemmen sich theologisch konservative Gruppen, vor allem auf der südlichen Erdhalbkugel, vehement dagegen. Das geistliche Oberhaupt der rund 70 Millionen Anglikaner, der Erzbischof von Canterbury Rowan Williams, muss nun die Einheit der anglikanischen Kirche bei der Weltbischofskonferenz im Juli und August in Südengland retten.

Er hat rund 800 Bischöfe zu der dreiwöchigen Konferenz eingeladen. Doch bisher haben nach Informationen der „Times“ erst etwas mehr als 600 zugesagt. Rund 200 konservative Kirchenführer wollen sich fast zeitgleich in Jordanien und Israel zur „Globalen Anglikanischen Zukunftskonferenz“ treffen. Der Zeitung zufolge sprechen Kenner der anglikanischen Kirche davon, dass die Spaltung de facto bereits existiere.

Der schwule Bischof Gene Robinson, dessen Weihe im Jahr 2003 den Kirchenstreit eskalieren ließ, gibt unterdessen nicht auf. Er will im Juni seine langjährige Beziehung zu Mark Andrew standesamtlich registrieren lassen. Das ist in Robinsons Heimat New Hampshire seit Jänner möglich. Danach will er der „Times“ zufolge nach England reisen.

Aus Angst vor einem offen ausgetragenen Konflikt wurde er zwar nicht zur Weltbischofskonferenz eingeladen, allerdings will er in England über Homophobie in der anglikanischen Kirche sprechen. Nach Einschätzung der „Times“ wird Robinsons Auftreten außerhalb der Bischofskonferenz den Druck auf Erzbischof Williams noch verstärken, die „eine Kirche“ zusammenzuhalten.

In den USA gibt es bereits konservative Absetzbewegungen aus der 2,3 Millionen Mitglieder zählenden Episkopalkirche, der offiziellen anglikanischen Kirche in den Vereinigten Staaten. Konservative anglikanische Bischöfe, vor allem aus Afrika, haben bereits begonnen, Parallelstrukturen aufzubauen. Einige Pfarreien und die kalifornische Diözese von San Joaquin mit 8.000 Mitgliedern haben sich schon den konservativen Gruppen angeschlossen.

Die Leiter der 38 Kirchenprovinzen der Weltgemeinschaft hatten in diesem Jahr von der US-Kirche verlangt, nicht länger gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu segnen oder praktizierende Homosexuelle zu Bischöfen zu weihen. Die US-Bischöfe erklärten sich Ende September lediglich bereit, in dieser Frage Zurückhaltung zu üben.