Belgrad: Lebensgefahr für schwule Song-Contest-Fans?

Nächste Woche ist es soweit. Ab dem 20. Mai ringen in Belgrad 43 Nationen um den Sieg im „Eurovision Song Contest 2008“. Mit dem Song Contest steht der serbischen Hauptstadt eine besondere Herausforderung bevor: Für viele Lesben und Schwule hat die Veranstaltung Kult-Charakter. Sie reisen Jahr für Jahr in den jeweiligen Austragungsort, um den Contest gebührend zu feiern.

„Im Vorjahr“, sagt Boris Milicevic, Aktivist der Belgrader „Gay Straight Alliance“, „sind allein 3000 Briten nach Helsinki gereist, 70 Prozent davon schwul.“ Wie viele in diesem Jahr kommen werden, weiß niemand. Die Behörden rechnen insgesamt mit bis zu 20.000 Besuchern.

Vergangenes Jahr holte die 23-jährige Marija Serifovic den Sieg nach Serbien. Mit ihren kurzen Haaren, dem Hosenanzug mit Krawatte und ihrer dunklen, energischen Stimme begeisterte sie nicht nur die lesbischen Zuschauerinnen. Doch ihr Sieg täuscht nicht darüber hinweg, dass in Serbien Homosexuelle immer öfter Opfer gewalttätiger Übergriffe werden. 70 Prozent der Serben glauben noch immer, Homosexualität sei eine Krankheit. 50 Prozent halten gleichgeschlechtliche Orientierung „sehr gefährlich für die Gesellschaft“ und wollen, dass der Staat sich um ihre Unterdrückung bemüht. Immer noch 36 Prozent sind gar der Ansicht, es handele sich dabei um eine „westliche Erfindung“, mit der „die Familie und unsere Tradition zerstört“ werden sollten. Nur 22 Prozent meinen, dass es Homo-Treffpunkte geben sollte, und gerade einmal acht Prozent können sich mit dem Gedanken an eine Parade anfreunden.

Deshalb empfiehlt Boris Milicevic anreisenden Schwulen und Lesben, sich in Belgrad möglichst unauffällig zu verhalten: Keine schrille Kleidung, keine Küsse und kein Händchenhalten in der Öffentlichkeit. Überfälle in Klubs und Lokalen sind zwar seltener geworden. Doch jetzt gehen die Täter nach einem anderen Muster vor: „Jemand kommt herein, merkt sich Gesichter. Und auf dem Nachhauseweg wird man dann an der Ecke abgefangen und zusammengeschlagen“, weiß Milicevic.

Und es gibt auch schon erste Drohungen. Man sei „vorbereitet“, ist aus der klerikalfaschistischen Organisation „Obraz“ zu hören. „Wie 2001 werden wir auch jetzt keine monströsen und entarteten Werte auf Belgrads Straßen zulassen“, so Obraz-Aktivist Mladen Obradovic. Belgrad sei neben Moskau die einzige Metropole, in der es noch keine Gay-Parade gegeben habe. Andererseits würden seine Anhänger aber auch „nicht in Häuser gehen und unter jemandes Bettdecken schauen“.

Allerdings: Seit 2001 hat sich einiges zum Besseren verändert. Auch die Polizei engagiert sich jetzt für den Schutz von Homosexuellen. Man werde dem Ereignis „die höchste Aufmerksamkeit“ schenken, versprach der Polizeipräsident. Für den Austausch mit den Ordnungshütern mussten auch die Schwulenvertreter über ihren Schatten springen: Die Polizei braucht Angaben über Klubs, Kneipen und Cafés, in denen die Szene sich trifft. „Daten werden sowieso über uns gesammelt“, sagt Milicevic, „und die kann man immer so und so verwenden.“ Vor organisierten Attacken hat der 32-jährige Journalist keine große Angst. „Mein Szenario ist eher, dass ein paar betrunkene Jugendliche die ‚Schwanzlutscher‘ anpöbeln und zusammenschlagen.“

Die „Gay Straight Alliance“ hat deshalb einen kleinen Ratgeber herausgegeben, der die wichtigsten Informationen für Song-Contest-Besucher zusammenfasst. Mit Hilfe der HOSI Wien bietet GGG.at diesen Ratgeber zum Download an.

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