Berlin: Lesben und Schwule sind Wirtschaftsfaktor

Lesben und Schwule werden – vor allem im Tourismus – immer mehr zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor. So wurde in Berlin 2001 in einer Umfrage festgestellt, dass die rund 500.000 Besucher des dortigen CSD einen Tourismuseffekt von 134 Millionen Euro erzielt haben. Von dieser Summe sind 59 Millionen Euro allein dem CSD zuzurechnen – ohne die Veranstaltung wäre dieses Geld also nicht in die Kassen der Berliner Hotels, Lokale und Händler geflossen.

Homosexuelle gelten als besonders reisefreudig: Die Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM) nennt als Beispiel die Vereinigten Staateb, wo nur ein Drittel der Bevölkerung einen Reisepass besitzt –aber drei Viertel der Lesben und Schwulen. Gay Marketing ist deshalb bereits seit 2000 fester Bestandteil der BTM. Dazu gehören Informationen im Internet, aber auch spezielle Hotellerie-Schulungen. So sollte ein schwules Pärchen an der Rezeption nicht extra nach einem Doppelbett fragen müssen, erklärt BTM-Sprecherin Natascha Kompatzki.

Eine Botschaft, die bei den Berliner Hotels angekommen ist: Rechtzeitig zum Berliner CSD haben viele zielgruppenspezifische Pakete geschnürt. Das Fünfsternehotel „Concorde“ zum Beispiel offeriert für 175 Euro pro Nacht ein Doppelzimmer, VIP-Tickets zum CSD und ein Jahresabo des schwulen Reisemagazins „Spartacus Traveler“.

Besonders wichtig sind der BTM Homo-Touristen im Ausland. Der offen schwule Regierende Bürgermeister sei „in der Außenwirkung unbezahlbar“, sagt Kompatzki. Im zweisprachigen lesbischwulen Reiseführer „Out in Berlin“, den die BTM zweimal jährlich in einer Auflage von 100.000 Exemplaren herausgibt, lobt Klaus Wowereit im Grußwort „Toleranz, Weltoffenheit und kulturelle Vielfalt“ als Markenzeichen Berlins. Auch auf internationalen Veranstaltungen hat der Regierende schon für die deutsche Hauptstadt als schwules Reiseziel geworben.

Hauptmärkte sind die USA und Kanada, wo Berlin regelmäßig auf lesbischwulen Reisemessen vertreten ist. Bei einer geschätzten Homosexuellenquote von zehn Prozent der Bevölkerung kann aber mit mindestens 9000 lesbischen und schwulen Briten, 5700 Amerikanern, 5200 Spaniern und 800 Kanadiern gerechnet werden, die von Jänner bis Mai in Berlin zu Gast waren. Es gibt spezielle Schwulen-Hotels wie das „Arthotel Connection“ in Schöneberg, das mittlerweile aber auch Heterosexuelle beherbergt, oder das geplante Drei-Sterne-Haus der Hotelkette Axel an der Lietzenburger Straße. Es soll im Frühjahr 2009 öffnen.

Und auch die einheimische Community pumpt Geld in die Berliner Wirtschaft. Das kostenlose Branchenbuch „Kompass“ erscheint halbjährlich mit 40 000 Exemplaren. Von „A wie Aids-Hilfen bis Z wie Zahntechnik“ sind jeweils bis zu 900 „homofreundlicher“ Anbieter aufgeführt. Alle in diesen „rosa Seiten“ gelisteten Firmen sind Anzeigenkunden des Jackwerth-Verlags mit 18 Angestellten und einem Jahresumsatz von zwei Millionen Euro. Bei Jackwerth erscheinen auch der BTM-Reiseführer „Out in Berlin“, das schwule Magazin „Du & Ich“ (Auflage: 20 000) und die kostenlose „Siegessäule“ – mit einer Auflage von knapp 50 000 Exemplaren das größte schwul-lesbische Stadtmagazin Europas.

Lesben und Schwule sind nicht nur reise-, sondern auch überdurchschnittlich ausgehfreudig. Die „Siegessäule“ schätzt, dass monatlich um die 2000 einschlägige Veranstaltungen in der Stadt stattfinden. Die aktuelle Ausgabe verzeichnet 121 Bars und Cafés, acht Buchläden und Videotheken, 47 Adressen zum Tanzen, 40 Restaurants und 32 Adressen von Sexclubs und Pornokinos.

Sogar eine passende Zahlungsmethode gibt es: Die schwule Kreditkarte „PayGay“ ist eine clevere Geschäftsidee. Mit ihr bekommen Kunden nicht nur Rabatte bei Unternehmen in den Bereichen Shopping, Kultur und Reisen. Die Berliner Betreiber spenden nach eigenen Angaben jährlich „fünfstellige Beträge“ an schwule und lesbische Initiativen und fördern Szeneveranstaltungen. So wird jeder Einkauf mit der Kreditkarte auch gleich zum Statement für die Community.