Schwuler Fußballprofi erzählt seine Geschichte

Er ist der einzige Profifußballer im deutschsprachigen Raum, der sich geoutet hat: Marcus Urban war in der Jugend-Nationalmannschaft der DDR und auf dem Sprung zur Profi-Karriere. Dann beschloss der heute 37-Jährige, zu seiner Homosexualität zu stehen. Jetzt hat er seine Erfahrungen in einem Buch festgehalten. Gemeinsam mit dem Berliner Autor Ronny Blaschke hat er das Buch „Versteckspieler“ geschrieben.

Urban erzählt in dem Buch von der Anerkennung, die er am Fußballplatz bekam und zu Hause vermisste: „Es sind relativ harte Sachen dabei gewesen, die ich nicht allen Lesern des Buchs zumuten wollte“, sagt er über seine Kindheit. Mit dreizehn kam Urban auf die Kinder- und Jugendsportschule Erfurt, wo er als Spieler für das DDR-Nationalteam aufgebaut werden sollte. Als er dort bemerkte, dass er auf Männer steht, kommt er in einen inneren Zwiespalt: „Ich hatte damals eine Schere im Kopf: Ich bin Fussballer, also kann ich nicht homosexuell sein. In der DDR war ja, anders als in der vielleicht etwas weniger rückständigen Bundesrepublik, nicht einmal ein Doppelleben möglich“, erzählt Urban heute. Um seine Gefühle zu unterdrücken, gibt er auf dem Platz den harten Mann – was bei den Trainern gut ankommt. Ein Nachwuchstrainer prophezeit ihm eine Profikarriere – doch an die glaubt er selbst nicht mehr. „Es schien ihm unmöglich zu sein, eine Karriereleiter emporzuklettern und zugleich ein heikles Versteckspiel zu führen“, schreibt Blaschke. Stattdessen studiert Urban Stadt- und Regionalplanung an der Bauhaus-Universität Weimar.

Sein Schlüsselerlebnis hatte Urban 1994 in einem Café in Hamburg: Dort erfährt er von der Fussballmannschaft des schwul-lesbischen Sportvereins Startschuss. Dass es auch andere Schwule gibt, die Fussball spielen war für ihn eine fundamentale Erkenntnis. Seit vierzehn Jahren spielt er mittlerweile für den Startschuss. Mit anderen schwulen Freizeitkickern bei Freundschaftsspielen und kleinen Turnieren auf dem Platz zu stehen, macht Urban heute Spaß. Amateurfussball in einem ganz gewöhnlichen Verein kommt für ihn nicht mehr in Frage. „Immerhin habe ich auf dem Rasen mal die Marseillaise gehört“, sagt Urban: Mit der DDR-Jugendnationalmannschaft hat er gegen Frankreich gespielt. Jetzt in der untersten Liga zu kicken, wäre für ihn absurd. Jahrelang konnte Urban nicht einmal als Zuschauer ins Stadion gehen.

Marcus Urban kennt keine anderen schwulen Profi-Fussballer, ist sich aber sicher, dass es im Leistungssport generell überproportional viele Homosexuelle gibt: Der Körperkult kommt auch ungeouteten Lesben und Schwulen entgegen, und mit Sport kann man sich das Selbstbewusstsein holen, das einem fehlt. „Der Leistungssport ist auch gerade deshalb ein prima Versteck, weil die meisten Menschen glauben, es gebe dort keine Homosexuellen“, sagt Urban.

Heute arbeitet Urban als Designer und Marketingassistent mit behinderten Menschen in Hamburg. Inzwischen hat er auch wieder Kontakt zum einen oder anderen Spieler. Ein Fussballer aus alten Sportschulzeiten, sagt Urban, sei mittlerweile ein guter Freund: „Der arbeitet in Hamburg als Friseur, ist hetero und spielt keinen Fussball mehr. Ich bin schwul und spiele immer noch Fussball. So viel zu den Klischees.“

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