Rosa von Praunheim kritisiert Schwulenszene

Der deutsche Skandalregisseur Rosa von Praunheim macht wieder von sich Reden. Im von den Journalisten Jens Bergmann und Bernhard Pörksen herausgegebenen Interviewbuch „Skandal“ ist er einer von 30 Menschen, die über die Macht der öffentlichen Empörung sprechen.

Praunheim hat die Schwulenbewegung der Bundesrepublik nachhaltig verändert: 1991 hat er in der RTL-plus-Sendung „Explosiv – der heiße Stuhl“ Promis wie Hape Kerkeling und Alfred Biolek geoutet, dafür wurde er beschimpft und angegriffen. Kerkeling selbst kommentierte sein Zwangsouting später mit den Worten: „Sensiblere Naturen als ich hätten sich in einer Kurzschlusshandlung womöglich mit dem Föhn in die Badewanne gelegt.“

Von Praunheim verteidigt seinen Schritt: „Mit Biolek und Kerkeling habe ich keine hilflosen Wesen geoutet, sondern Sympathieträger, beliebte Narren der Gesellschaft, die niemand so leicht steinigen konnte. Ich wusste, dass es ihnen nicht schaden würde. Im Gegenteil: Stünden sie selbstbewusst zu ihrer Sexualität, steigerte das ihre Popularität. Und die Gesellschaft sähe Homosexuelle mit anderen Augen und verfolgte das Thema Aids mit größerer Aufmerksamkeit“, erklärt er in seinem neuen Buch. Trotzdem gesteht er ein, ein solches Zwangsouting heute nicht mehr machen zu wollen.

Doch auch zuvor hat Praunheim schon Schwulengeschichte geschrieben: Zum Beispiel mit der Dokumentation „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, die er im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks gedreht hat. Als dieser 1973 in der ARD gesendet wurde, blendete sich der Bayerische Rundfunk aus dem gemeinsamen Programm aus. Doch auch in der Lesben- und Schwulenszene war der Film nicht unumstritten, heißt es dort doch unter anderem: „Schwule wollen nicht schwul sein, sondern so spießig und kitschig leben wie der Durchschnittsbürger.“ Dieser Film führte zur Gründung zahlreicher Homosexuelleninitiativen.

Zu seiner Meinung steht von Praunheim auch heute noch: „Ihr flüchtet euch in Glamour, Sex und Drogen, statt für eure Sache zu kämpfen!“, war damals seine Botschaft an die Szene. „Ich war so wütend auf die träge und feige Schwulenszene, dass ich auf keinen Fall einen Film hätte machen können, der nur um Toleranz wirbt“, erklärt er heute seine Sicht.

Und auch jetzt steht er der Szene kritisch gegenüber: So ist er „gegen diesen kalten Sexkonsum, unter dem gerade junge Schwule leiden. Homosexuelle haben keine offiziell anerkannten Werte – und glücklicherweise nicht diese verlogene Moral der Heteros. Aber auch sie wollen lieben und geliebt werden, vielleicht wollen sie auch die Heterosexuellen ein wenig nachahmen. Wenn sie dann aber merken, dass sie sich in einem Milieu bewegen, das sie nur als Sexobjekt betrachtet, verletzt sie das ungemein. Deswegen gehen sie irgendwann dazu über, selbst andere zu verletzen und Sex nur noch zu konsumieren. Das kritisiere ich, lebe selbst aber weiterhin promiskuitiv“, erklärt von Praunheim den Journalisten in seinem Buch.

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