Deutschland: „Kondom nicht immer nötig“

Unter bestimmten Voraussetzungen ist das Risiko, sich beim Sex ohne Kondom mit HIV anzustecken, gering – das erklärt zumindest die Deutsche Aids-Hilfe (DAH) in einem neuen Positionspapier.

Wie das schwule Infoportal „queer.de“ berichtet, gleicht die DAH damit ihre Position an die der „Eidgenössische Kommission für Aidsfragen“ (EKAF) an. Diese hatte im Vorjahr Empfehlungen veröffentlicht, wie heterosexuelle Paare mit einem HIV-positiven Partner auf natürlichem Weg Eltern werden können, ohne den gesunden Partner einem großen Risiko auszusetzen.

Den neuen Empfehlungen der DAH kann nur dann auf das Kondom verzichtet werden, wenn drei Voraussetzungen erfüllt sind: Erstens muss die Viruslast des HIV-positiven Partners seit sechs Monaten unter der Nachweisgrenze liegen. Zweitens müssen die antiretroviralen Medikamente konsequent eingenommen werden. Drittens dürfen bei den Sexualpartnern keine Schleimhautdefekte vorhanden sein. Diese sind häufig Folge sexuell übertragbarer Infektionen. Die Deutsche Aids-Hilfe weist aber ausdrücklich darauf hin, dass es – auch wenn alle drei Voraussetzungen erfüllt werden – ein Restrisiko gibt. Dies sei allerdings vergleichbar mit dem Restrisiko bei der Benutzung von Kondomen.

Bei Sex mit dem Partner auf das Kondom zu verzichten, ist für die Aids-Hilfe die Entscheidung jedes Einzelnen: „Aufgabe der Prävention ist es, die nötigen Informationen für die Kommunikation über dieses Risiko und für das individuelle Risikomanagement zielgruppengerecht und an den Interessen der Zielgruppen orientiert bereitzustellen“, heißt es in dem Positionspapier.

Die Entscheidung der DAH ist nicht unumstritten: Bei der Welt-Aids-Konferenz, wo diese Richtlinien nach dem Schweizer Vorstoß kontroversiell diskutiert wurden, erklärten US-Wissenschafter, dass es noch nicht genügend Langzeitstudien gebe, um diese Empfehlungen wissenschaftlich einwandfrei zu untermauern. Auch sei die Botschaft zu lang – viele HIV-Positiven könnten denken, dass Sex ohne Kondom jetzt in Ordnung sei.

Für One-Night-Stands gelten diese Regeln ohnehin nicht – hier empfiehlt die Deutsche Aids-Hilfe weiterhin Kondome: „Beim Sex mit Gelegenheitspartnern empfiehlt sich weiterhin die Verwendung von Kondomen, da die Bedingungen der regelmäßigen Kontrolle [von sexuell übertragbaren Krankheiten] (um die Abwesenheit von Schleimhautdefekten bei beiden Partnern zu überprüfen), der Kommunikation und der gemeinsamen Entscheidung hier in der Regel nicht gegeben sind.“, so die DAH.

Eine Stellungnahme der österreichischen Aids-Hilfen gibt es noch nicht.