Junger schwuler Russe mit Psycho-Pillen vollgepumpt, um ihn zu ‚heilen‘

Für Bestürzung sorgt in Russland das Schicksal des 16-jährigen Iwan Kartschenko: Weil er schwul ist, schickt ihn seine Familie zuerst zu einer Hexe, um ihm seine Homosexualität auszutreiben . Dann wollte sie ihn in einer Drogenklinik mit schweren Psychopharmaka „heilen“ lassen. Mittlerweile wurde Iwan wieder aus der Moskauer Drogenklinik „Marschak“ entlassen. Dort wurde er zwölf Tage festgehalten, bis er mit Hilfe von Unterstützern befreit werden konnte.

Das Drama begann vor einigen Wochen, als sich Iwan an seinem 16. Geburtstag geoutet hat. Bei seinen Klassenkollegen löste das keine großen Reaktionen aus – in der Verwandtschaft allerdings schon: Der Vater, bei dem Iwan seit der Scheidung der Eltern lebt, war mit der sexuellen Orientierung seines Sohnes überfordert. Iwan erzählte seinen Freunden, dass sein Vater ihn ständig anschreie, er wolle aus ihm „einen normalen Menschen“ machen. „Es wäre mir lieber, du wärst körperlich oder geistig behindert als schwul zu sein“, sagte er eines Tages zu Ivan. Am 11. April rief Iwan seinen Freund Michail an und erzählte, dass seine Großmutter ihn in eine psychologisches „Klinik“ gefahren habe. Dort werden auch Dienste von Astrologen und Zauberern angeboten. Eine Hexe versuchte, ihm den „Geist der Homosexualität“ auszutreiben – erwartungsgemäß ohne Erfolg.

Als er nach zwei Tagen aus der Psycho-Klinik ausbrach und wieder nach Hause zurückkam, brachte der Vater Iwan in eine Entzugsklinik – offiziell wegen Drogen- und Alkoholmissbrauch. Und obwohl die Ärzte davon keine Anzeichen für ein Suchtproblem finden konnten, wurde Iwan mit Medikamenten vollgepumpt – bis er sogar die Namen seiner Freunde vergessen hat.

Allerdings konnte Iwan noch seinen Freund alarmieren, bevor ihm sein Handy weggenommen wurde. Vor dem Krankenhaus trafen sich Aktivisten, um für Iwans Entlassung zu protesieren. Unter ihnen auch mehrere Fernsehteams, Blogger, politische Aktivisten und Ilja Ponomarjow, Duma-Abgeordneter für die linke Oppositionspartei „Gerechtes Russland“.

Doch Iwan darf zunächst die Klinik nicht verlassen. Nur kurz sehen ihn seine Unterstützer hinter einem Fenster im ersten Stock. Dann werden die Vorhänge zugezogen. Trotzdem hat er es geschafft, ein Poster mit der Aufschrift „Ich liebe dich“ ans Fenster seines Zimmers zu halten – eine Botschaft an Michail, der ebenfalls unten um seinen Freund bangt. Die Pfleger entfernen es sofort.

Doch der öffentliche Druck hat Erfolg: Da 16-Jährige in Russland selbst über ihren Verbleib in solchen Kliniken entscheiden dürfen, wollte die Leitung keine Anzeige wegen Freiheitsberaubung riskieren und ließ Iwan gehen – nach zwölf Tagen „Behandlung“ mit schweren Psychopharmaka.

Auf der Rückbank eines weißen Skoda, gemeinsam mit Polizisten und Sicherheitsleuten, verlässt er die Klinik. Er blickt erschrocken in die Kameras und sagt, dass es ihm gut gehe. Er erzählt, dass ihm Bedingungen gestellt wurden, damit er die Klinik verlassen dürfe. Welche das sind, sagt er nicht.

Die erste Nacht in Freiheit verbrachte er bei seiner Mutter, die mit der Homosexualität ihres Sohnes kein Problem hat. Sie hatte sich bisher aus dem Leben ihres Sohnes herausgehalten. Doch das geht nun nicht mehr, denn zu seinem Vater kann er nicht mehr zurück. Seine Großmutter, die ihn von einer Hexe „heilen“ lassen wollte, lässt ihn übrigens nicht einmal in ihre Wohnung.

Nun prüfen die Behörden die Umstände von Iwans Einweisung. Chefarzt Wladimir Waschkin behauptet gegenüber der Presse sichtlich nervös, er habe ein Schreiben von Iwan, in dem er bestätigt, schon 19 Jahre alt zu sein. Außerdem sei der Patient auf „mögliche Drogenabhängigkeit“ geprüft worden. Resultat: Iwan hatte – wenig überraschend – erste Erfahrungen mit Alkohol und Cannabis. Nicht mehr. Außerdem sei auch ein Gen-Test gemacht worden. Was dieser beweisen sollte, und warum Iwan nicht entlassen wurde, als klar war, dass er kein Drogenproblem hatte, will Waschkin der Presse nicht erklären.

Schwule und lesbische Jugendliche in Russland werden durch solche öffentlich gemachten Einzelfälle extrem verunsichert, sich auch zu outen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihnen ein ähnliches Schicksal blüht, ist vermutlich größer als man fürchtet. Immerhin haben gut 60 Prozent von rund 750 Anrufen beim Radiosender „Echo Moskau“, der über den Fall berichtet hat, gesagt, dass es für sie eine „Tragödie“ wäre, wenn ihr Nachwuchs homosexuell sei.