‚Eineinhalb Jahre Therapie mit sieben homöopathischen Medikamenten‘

Mit seinem Flugblatt am deutschen Katholikentag in Mannheim hat der Bund Katholischer Ärzte (BKÄ) für Aufregung gesorgt: Dort behauptete er, Homosexualität sei unter anderem mit Homöopathie heilbar. Der Leiter des BKÄ, dem Münchner Arzt Gero Winkelmann, beharrt auch in einem Telefongespräch auf dieser auf seiner wissenschaftlich nicht gedeckten Meinung.

In dem Gespräch, dessen Inhalt GGG.at vorliegt, erklärt Winkelmann einem jungen Schwulen, um sich heilen zu lassen, gebe es „drei Arten: geistlich, ärztlich-homöopathisch und ärztlich-psychotherapeutisch“. Einen konkreten Mediziner, Psychologen oder Geistlichen kann Winkelmann nicht nennen: „Nach dem großen Aufwand, der jetzt zur Zeit da gemacht wird, werden wahrscheinlich auch kaum Geistliche, Psychotherapeuten Interesse haben, sich da in die Höhle des Löwen zu wagen, weil es gibt viele unterschiedliche Meinungen…“

Winkelmann spielt damit auf Vorfälle beim Katholikentag an. Denn selbst unter gläubigen Christen ist das Angebot der BKÄ sehr umstritten. So sei es am Stand der Ärzte zur „Beleidigung durch gruppenweises Zeigen des Stinkefingers“ gekommen, wie es auf der Homepage der katholischen Ärzte heißt. Der Stand sei über Stunden belagert und blockiert worden. Der BKÄ erklärt sich die Aktionen nicht mit ihren eigenen umstrittenen Positionen – sondern schiebt die Schuld auf den „allgemeine Hass auf Kirche und Priester“.

Im Gespräch will Winkelmann kein Problem mit Homosexuellen haben: „Ich habe keine Angst vor Homosexuellen. Über mangelndes Interesse kann er sich nicht beschweren: „Sie sind jetzt heute der fünfte oder sechste Anrufer“, erzählt er freimütig. Ihm gehe es darum, „dass sie nachher alle zu einer guten Berufsausbildung kommen, vielleicht eine gute Familie, Ehe führen können, und dass sie jetzt durch irgendwelche Verführungen nicht irgendwo stolpern“.

Bei der Suche nach Mitstreitern scheint Winkelmann in Mannheim allerdings nicht besonders erfolgreich gewesen zu sein: „Ich habe auf dem Katholikentag das eine oder andere Flugblatt [für] christliche Psychotherapeuten abgegeben, aber die meisten haben da kein Interesse daran. Denen ist der Wirbel zu groß, weil ich werde hier ja ziemlich hart rangenommen und beschimpft…“, gibt er in dem Telefongespräch zu.

Sieben homöopathische Mittel gegen Homosexualität

Wie Winkelmann in dem Gespräch erklärt, dauert die homöopathische „Therapie“ zur Heilung von Homosexualität „ein bis eineinhalb Jahre“: „Es muss eine Aufarbeitung sein, eine homöopathische Anamnese, Aufarbeitung, und dann mindestens sechs bis sieben homöopathische Mittel zu nehmen, die man so im Abstand von acht Wochen nimmt.“ Homöopathie gehört zu Winkelmanns Spezialgebieten – in seiner Privatpraxis in Unterhaching bei München hat er sich unter anderem darauf spezialisiert. Und „auch die klassische Homöopathie spricht davon, dass das [Homosexualität, Anm.] nicht in Ordnung ist, sagen wir einmal so. Und das wollen die meisten Kritiker nicht wahrhaben“.

Und auch zum Thema Safer Sex gibt Gero Winkelmann dem Anrufer gut gemeinte Ratschläge: „Jeder, der ein ungeordnetes Verhalten hat“, könne – unabhängig von seiner sexuellen Orientierung – eine Geschlechtskrankheit bekommen. „Nicht nur HIV, sondern Syphilis, Gonorrhöe – das sage nicht ich, das sagt der Hausärzteverband. Die warnen.“ Und füght hinzu „Wahrscheinlich ist der größere Teil… bekommt Geschlechtskrankheiten von Leuten, die jetzt mit Homosexualität oder Pädophilie oder so überhaupt nix am Hut haben“.

Kondomschanker und Analringentzündung

Zum Schluss bekommt der Anrufer noch „von Mann zu Mann die Empfehlung, keinerlei Geschlechtsverkehr mit anderen Leuten haben – gerade auch wegen der Möglichkeit, sich anzustecken“. Ein Kondom helfe dabei nicht: „Das ist nicht sicher. Also auch für Aids-Viren, HIV-Viren, die können durch diese Latex-Poren durchgehen“. Weiters gebe es bei Kondomen auch eine weitere Gefahr: „Dort, wo das Kondom oben aufhört, dort können die Schanker – man nennt das ‚Kondomschanker‘ – da können sich diese Bakterien einer Geschlechtskrankheit auch ansiedeln.“ Der katholische Arzt betont, das habe „nix mit katholisch oder evangelisch zu tun, das ist Hautarztmedizin“.

In der medizinischen Fachwelt scheint dieser Kondomschanker aber nur in einem sehr bescheidenen Ausmaß bekannt zu sein: Google findet den Begriff genau einmal im gesamten deutschsprachigen Internet.

Wenig überraschend warnt Winkelmann auch vor Analverkehr. Der Grund: „Da gibt’s jetzt die Afterentzündung durch Analverkehr, die sogenannte ‚Gay-Proctitis'“. Dies sei eine „Afterentzündung, Analringentzündung, da entzündet sich die Analschleimhaut“. Eine Proktitis ist eine schmerzhafte Entzündung im Enddarm, die auch Folge einer Syphilis oder Gonorrhöe sein kann – allerdings ganz unabhängig von Geschlecht und der sexuellen Orientierung des Betroffenen.

Zwar hat der Proktologe Henry L. Kazal im Jahr 1976 ein „Gay Bowel Syndrome“ (schwules Darm-Syndrom) beschrieben, in dem er Krankheiten zusammenfasste, mit denen vor allem seine schwulen Patienten zu ihm kamen. Das reichte zwar von einer Proktitis über diverse Geschlechtskrankheiten bis zu Krebs. Doch durch die Verbreitung von Safer-Sex-Praktiken unter schwulen Männern wurde es aber immer seltener diagnostiziert. Und das „Journal of Homosexuality“ kam im Jahr 1997 zu dem Schluss: „Es ist offensichtlich, dass das ‚Gay Bowel Syndrome‘ auf den Punkt gebracht eine Unterscheidungskategorie ist, die weder schwulenspezifisch, noch auf den Darm beschränkt oder ein Syndrom ist. Der Gebrauch und die Diagnose des „Gay Bowel Syndrome“ muss abgeschafft werden.“ Einer Empfehlung, der kanadische Experten 2004 und ihre US-Kollegen ein Jahr später folgten.

Wenig überraschend distanziert sich die deutsche Bundesärztekammer vom Bund Katholischer Ärzte, der zur „Ex-Gay“-Bewegung zugerechnet werden kann: Letztes Jahr hat die Vereinigung die Forderungen der katholischen Ärzte nach Homo-Heilung als „völlig abwegig“ bezeichnet und Konsequenzen angedroht.

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