Interview mit schwulem Fußballer sorgt für Diskussionen

Zu vielfältigen Reaktionen führt in Deutschland das Interview mit einem anonym bleibenden schwulen Fußball-Bundesliga-Spieler. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel ermutigt schwule Kicker zu einem Outing, genauso wie FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß. Die offen schwulen Fußballfans sehen die Sache differenzierter.

Angela Merkel zu schwulen Fußballern: „Fürchtet euch nicht“

„Ich bin der Meinung, dass jeder, der die Kraft aufbringt und den Mut hat – wir haben in der Politik einen längeren Prozess hinter uns – wissen sollte, dass er in einem Land lebt, wo er sich eigentlich davor nicht fürchten sollte. Das ist meine politische Botschaft“, sagte Merkel bei der Präsentation der Kampagne „Geh Deinen Weg“ in Berlin. „Dass immer noch Ängste bestehen, was das eigene Umfeld anbelangt, müssen wir zur Kenntnis nehmen. Aber wir können ein Signal geben: Ihr müsst keine Angst haben.“

Noch vor wenigen Wochen hat Merkel eine Gleichstellung schwuler Paare im deutschen Steuerrecht deutlich abgelehnt. Die Kampagne „Geh Deinen Weg“ wurde von der Bundesliga und der Deutschlandstiftung Integration, deren Schirmherrin Merkel ist, ins Leben gerufen. Dieses Wochenende tragen die Spieler aller Vereine diesen Slogan auf ihren Trikots, um für die Integration von Personen ungeachtet ihrer Herkunft zu werben.

Bayern-Chef Hoeneß empfiehlt Vereinen, „sich gut vorzubereiten“

Und auch für einen der mächtigsten Männer des deutschen Fußballs ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich ein Profi auch öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt. Uli Hoeneß, Chef des FC Bayern, hat die Clubs in Deutschland aufgefordert, sich darauf vorzubereiten: „Das wird über kurz oder lang kommen. Alle Vereine sind gut beraten, sich auf dieses Thema vorzubereiten, damit sie dann gute Antworten haben.“ Doch die ihm sonst so bekannte Leadership lässt Hoeneß in dieser heiklen Frage vermissen: Für Reaktionen, etwa in fremden Stadien, könne der Verein keine Verantwortung übernehmen, betonte er.

Diese Konzepte gibt es derzeit nicht, erklärt Carsten Stock vom „SLSV Startschuß“, dem schwul-lesbischen Sportverein Hamburgs. „Um Vertrauen zu gewinnen, müssen die Clubs endlich konkrete Konzepte erarbeiten und damit offensiv in die Öffentlichkeit gehen“, erklärt Stock. „Sonst können wir auf das erste Coming-Out im Profi-Fußball lange warten.“ Auch die Trainer bräuchten Hilfe, wie sie mit einem möglicherweise homosexuellen Spieler umgehen.

Ängste der Spieler „leider berechtigt“, sagen schwul-lesbische Fanclubs

Die Queer Football Fanclubs (QFF), die Vereinigung der schwul-lesbischen Fans deutscher Fußballvereine, sieht das ebenfalls differenzierter. „Die Aufmerksamkeit, die dieser Artikel und damit das Thema bekommen, zeigt uns, dass Toleranz von Homosexualität noch nicht bei jedem angekommen ist. Allein die Tatsache, dass dieses Interview anonym durchgeführt wurde, belegt, dass Schwulsein längst keine Normalität hat“, heißt es in einer Presseaussendung. Die Angst des Spielers vor den Medien sei „leider berechtigt“, so der QFF: „Auch stellen wir fest, dass der neue DFB-Präsident sich bislang nicht sonderlich zu Themen wie Diskriminierung oder Homophobie geäußert hat; sinnvolle Hilfe von dieser Seite für einen sich outenden Spieler erscheint zweifelhaft.“

Und auch Angst vor eigenen und gegnerischen Fans scheint berechtigt, warnen die schwul-lesbischen Fußballfans: „Gegnerische Spieler, die Angriffsfläche im Persönlichen bieten, werden dies im Stadion zu spüren bekommen. Es gibt einfach noch zu viele intolerante und dumme Menschen. Und zu viele, die Diskriminierung und Beschimpfung schweigend hinnehmen. Allerdings macht QFF die Erfahrung, dass in einigen Fanszenen und deren Supporter- und Ultra- Szenen ein positiver Umgang mit dem Thema Homosexualität zu erkennen ist. Es bleibt jedoch dabei: Schweigen ist unterlassene Hilfeleistung!“

Das Interview mit dem anonymen Bundesliga-Spieler war im „Fluter“ erschienen, dem Magazin der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung.