‚Kunstprojekt‘: Grindr-Chats öffentlich mitten in Kreuzberg

Eine ungewöhnliche Kunst-Aktion lässt schwule Männer in Berlin fassungslos zurück: Der holländische Künstler Dryes Verhoeven, selbst schwul, chattet mit Männern auf der Dating-Plattform „Grindr“, um sie zu Aktivitäten wie einem Schach-Spiel einzuladen – und projiziert die Chats in Echtzeit auf eine Wand an einem öffentlichen Platz, mitten im Berliner Stadtteil Kreuzberg.

„Wanna play? Liebe in Zeiten von Grindr“ heißt das Projekt von Verhoeven – und auf der offiziellen Internet-Seite des Projekts liest es sich eigentlich ganz harmlos: „Er wohnt 15 Tage lang für jeden sichtbar in einem gläsernen Raum. Mit der Außenwelt kommuniziert er ausschließlich über Grindr und ähnliche Apps. Die Männer, die er online trifft, lädt er zu sich ein, um gegenseitig auf nicht-sexuelle Bedürfnisse einzugehen.“, steht da.

Fotos würden verfremdet dargestellt und die Chats anonymisiert, betont der Künstler. Einzig: Die Chatpartner wissen nicht, dass sie Teil eines Kunstprojekts sind und ihre Nachrichten auf der Ecke Oranienstraße/Mariannenstraße im Zentrum von Kreuzberg für jeden zu sehen sind. Und auch die „Verfremdung“ der Profile lässt sehr wohl Rückschlüsse auf den User zu.

Dem entsprechend schildert auch einer der User, mit denen Dries Verhoeven gechattet hat, auf Facebook seine Gefühle, als er zum vereinbarten Treffpunkt gegangen ist und seinen Chat in Riesengröße auf die Wand projiziert sah. „Mein Name, meine Fotos, die gesamte private Konversation war öffentlich zu sehen. Ich habe noch nie zuvor so viel Ärger empfunden. Ich würde mich nicht als wütend beschreiben, aber ich bin ausgerastet. (…) Jemand, der mit dem Projekt zu tun hatte, wollte mit mir diskutieren und ich habe mit ihm lauter geschrien, als ich es jemals in meinem Leben gemacht habe. Der ganze Block ist stehengeblieben, auf einmal haben sie angefangen zu applaudieren. Ich habe geschrien, wie könnt ihr es wagen, ihr greift in die Leben der Leute ein, ihr macht euch über Leute lustig und projiziert Bilder und Worte auf eine Leinwand, die jeder in einer der lebendigsten Gegenden von Kreuzberg sehen kann, Was ihr macht, ist unethisch. Es ist eine digitale Vergewaltigung.“

Und auch am Facebook-Profil des Projekts wird Kritik laut. „Ihr zerrt Leute ungefragt in die Öffentlichkeit. Sehr fragwürdiges Projekt!“, schreibt ein User. Aller Wahrscheinlichkeit nach verletzt Dries Verhoeven mit seinem Kunstprojekt die Nutzungsbedingungen der Dating-Apps. Ob auch zivilrechtliche Ansprüche geltend gemacht werden, ist unklar. Das Projekt wird unter anderem von der Niederländischen Botschaft und dem Berliner Hauptstadtkulturfonds gefördert.

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