Ein Flim, so spießig wie die Zeit, in der er spielt

Es hätte ein schöner Film werden können, über ein Genie im England des Zweiten Weltkriegs. Ein Film über einen Mann, der seinem Land dient, aber angefeindet wird – auch, weil er schwul ist. Jemand, der die Früchte seines Erfolgs nicht genießen kann – weil er schwul ist.

Stattdessen ist „The Imitation Game“ zwar ein schöner und spannender Film, der erfolgreich sein wird, weil er niemandem wirklich weh tut und so auf Oscar-Favorit getrimmt wurde. Dem Mann, um den es darin geht, wird das aber nicht gerecht.

Denn in „The Imitation Game“ geht es um den Mathematiker Alan Turing, meisterhaft dargestellt von Benedict Cumberbatch. Während des Krieges war er gut genug, um die verschlüsselte Kommunikation der Wehrmacht zu entschlüsseln. Nach dem Weltkrieg landet er wegen seiner Homosexualität vor Gericht und wird wahrscheinlich in den Suizid getrieben. Doch darüber schweigt der Film.

Die Handlung von „The Imitation Game“ ist schnell erzählt: Die deutsche Verschlüsselungsmaschine „Enigma“ raubt den Briten den Schlaf, weil ihr Code praktisch nicht zu entschlüsseln ist. Dem eigenbrötlerischen Mathematik-Genie Alan Turing gelingt mit seinem Team allerdings das Unmögliche – und die Briten sind dem Sieg im Krieg einen entscheidenden Schritt näher.

Homosexualität zu thematisieren, das ist für die Drehbuchautoren ein beliebtes Stilmittel, wird aber nie zum Teil der Identität von Alan Turing: In einer Rückblende, die von einer Liebesgeschichte mit einem Mitschüler erzählt – der dann, wie es sich für Hollywood gehört, tragisch stirbt. Während der Geschichte, als ihn seine Kollegin Joan Clarke, gespielt von Keira Knightley, heiratet, obwohl sie weiß, dass er schwul ist. Oder in Vorblenden, die einen gezeichneten Wissenschafter zeigen: Wegen seiner Homosexualität musste er sich in den 1950er Jahren einer chemischen Kastration unterziehen, die ihn massiv schwächt.

Die Homosexualität von Alan Turing ist in „The Imitation Game“ der Grund, warum er von anderen isoliert ist, warum er erpresst wird – aber Benedict Cumberbatch einen anderen Mann ins Bett zu legen, die sexuelle Orientierung des Mathematikers wirklich sichtbar zu machen – davor hatten die Macher Angst.

Dass Turing sich selbst vergiftet, indem er in einen mit Cyanid vergifteten Apfel beisst, ganz so wie in seinem Lieblingsmärchen „Schneewittchen“ – auch das verschweigt der Film. Ein Held, der sich das Leben nimmt, das passt in Hollywood nicht zu einem erfolgreichen Drama.

Bloß nicht zu sehr anecken, das war offenbar die Devise. Ein bisschen Homosexualität, ein bisschen Nazijagd, ein bisschen wahnsinniges Genie, so etwas ähnliches wie eine Liebesgeschichte, mit einer starken Frau – mit diesem Rezept wurde „The Imitation Game“ für acht Oscars nominiert.

Doch dieses Glatte nimmt dem Film die Authentizität. Damit wird aus einem historischen Drama mit einem hohen realistischen Anspruch ein Film, der sich bestenfalls von realen Personen inspirieren ließ – und dadurch genau das verliert, durch das er sich auszeichnen möchte.

Dass man keine Angst haben muss, die Homosexualität von Alan Turing klar und deutlich zu thematisieren, zeigt der britische Staat: Die britische Regierung entschuldigte sich 2009 offiziell für seine Verfolgung, die Queen begnadigte ihn posthum 2013.