‚Minderheiten dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden‘

Einer der Höhepunkte beim Regenbogenmarsch am Donnerstag war die Rede von Alfonso Pantisano, Aktivist bei der Berliner Initiative ENOUGH IS ENOUGH. Er hat seine Rede freundlicherweise GGG.at als Ganzes zum Nachlesen zur Verfügung gestellt.

Liebe Freundinnen und Freunde,

vielen herzlichen Dank für Eure Einladung nach Wien! Wir von der deutschen Privatinitiative ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH! stehen seit längerem mit TO RUSSIA WITH LOVE AUSTRIA in engem Kontakt. Wir sind sehr froh über diese Kooperation, die wir auch in Zukunft zu einer festen Brücke zwischen unseren Ländern ausbauen werden.

Es ist noch keine zwei Jahre her, dass wir ENOUGH is ENOUGH! OPEN YOUR MOUTH! in Berlin gegründet haben. Anlass war damals die russische Diskriminierungpolitik gegen Lesben, Schwule, Bi- Trans- und Intersexuelle. Und deswegen möchte heute hier in Wien anfangen, indem ich allen unseren Freundinnen und Freunden in Russland zurufe: Nein, wir haben Euch nicht vergessen! Nein, wir werden uns niemals mit dieser Ausgrenzungs-Politik Putins arrangieren. Und nein: Nur weil die Weltpolitik die Verfolgung von Homo- und Transsexuellen in den Nachrichten über und aus Russland verdrängt hat, ist sie deshalb nicht weniger schlimm.

Und nicht trotz der aktuellen Ereignisse um die Ukraine-Krise, ist es wichtig an die Menschenrechtsversetzungen gegen Homosexuelle, Transsexuelle und auch andere Minderheiten zu erinnern – sondern gerade auch deswegen, denn aus heutiger Sicht wissen wir:

Die Anti-Homopolitik war, wenn nicht der Auftakt, aber zumindest eine Ouvertüre für eine russische Aggressionspolitik, die heute nicht nur die damals zur Schau gestellten Minderheiten fürchten lässt, sondern die sogenannten Mehrheitsgesellschaften in ganz Europa.

Wir sind heute hier in Wien wegen der Verteidigung der Menschenrechte! Und wir sind über jeden einzelnen von Euch dankbar, denn eins ist klar: Jeder, der seine Stimme erheben möchte für die Menschenrechte, Der tut das nicht nur für Schwule, Lesben, Bi-,Trans- und Intersexuelle! Jeder, der ein Zeichen der Solidarität setzt, der tut das für alle Menschen! Für alle Menschen, die nicht wollen, dass irgendwo auf dieser Welt andere Menschen verfolgt werden. Für alle Menschen, die nicht zulassen, dass Menschen gegeneinander ausgespielt werden.

Bei unserer ersten ENOUGH is ENOUGH! Kundgebung vor den Olympischen Spielen in Sotschi konnten wir nicht glauben, dass Putin einfach so durchkommen würde. Dass es ihm gelingen könnte die Olympischen Spiele dazu zu benutzen, sich trotz seiner Hetz-Politik als friedvoller Gastgeber eines friedlichen,

völkerverbindenden Festes darstellen zu können. Wir fühlten uns alleine gelassen und waren dann fassungslos, als unsere Sportfunktionäre behaupteten, Homosexuelle würden während der Olympischen Spiele nicht diskriminiert werden, nur weil die russische Regierung ihnen dies zugesagt hätten.

Nur zur Erinnerung: Es waren damals Aussagen wie die des russischen Vizeregierungschefs Kosak, der gesagt hatte, niemand werde diskriminiert. Aber Homosexuelle müssten ihre Hände von Kindern lassen.

Homosexuelle als potentielle Kinderschänder. Das alte Prinzip: Menschen abzuwerten, indem man sie zu einer Bedrohung erklärt.

Homosexuelle müssten ihre Hände von Kindern lassen … Ich weiß noch, wie skurril wir das damals fanden bei unserer ersten Demo gegen die Hetze aus Russland. Aber heute, keine zwei Jahre später müssen wir feststellen, dass genau dieses Prinzip, genau dieses „Hände weg von unseren Kindern“ zum Grundtenor einer ganz neuen Hass-Bewegung geworden ist, die sich auch tief in Europa verankern konnte.

Diskriminierung beginnt damit, dass sich Menschen stark fühlen dürfen. Weil sie andere Menschen klein machen. Es ist der Hass der einen. Und die Angst der anderen.

Nach genau diesem Hass-Prinzip haben sich in den letzen Monaten auch viele in Europa stark fühlen dürfen. Wir haben das bei der französischen Front National oder auch bei Pegida erlebt. Wir haben es aber auch bei den in Deutschland bekanntgewordenen „Besorgten Eltern“, den „Demos für alle“, der AfD oder hier in Österreich bei der FPÖ erlebt, ja, wir haben es bei all diesen Homophoben erlebt, die in vielen unsäglichen Zeitungsartikeln und Talkshows, in denen Männer und Frauen ganz ungehindert ihre üblen Ressentiments als mutige Meinung verkaufen dürfen. Aber diese Ressentiments sind nicht mutig – sie sind erbärmlich! Meist unter dem Vorwand des Kinderschutzes wettern sie gegen eine verbesserte Aufklärung an Schulen und hetzen gegen sexuelle Vielfalt. Genau wie Putin diffamieren sie die Forderung nach gleichen Rechten als „Homo-Propaganda“.

Doch mit dieser Rhetorik wenden sie sich nicht nur gegen uns Lesben und Schwule. Sie wenden sich auch gegen ihre eigenen Kinder. Denn sie missbrauchen sie, um eine Welt zu retten, die es gar nicht gibt. Egal wie oft sie es behaupten: Zur Homosexualität kann man nicht erzogen werden! Nicht die Aufklärung zu einer Akzeptanz von Vielfalt ist es, die Kindern Gewalt antut, sondern eine Erziehung, die Kindern das Erleben dieser Vielfalt verwehren möchte.

Die Kriminalisierung von Homosexuellen, das Verwehren von gleichen Rechten ist nicht nur das Problem von Lesben und Schwulen. Wer gegen Minderheiten hetzt, greift die ganze Gesellschaft an. Nur, wenn wir jede Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit bekämpfen, kann eine Gesellschaft entstehen, die auf Vertrauen und nicht auf Hass basiert.

Wir dürfen deshalb nicht zulassen, dass Minderheiten gegeneinander ausgespielt werden. Wir müssen hellhörig werden, wenn Menschen aufgrund ihres Glaubens, ihrer Herkunft oder ihrer sexuellen Identität ausgegrenzt werden. Wir müssen uns gegenseitig stark machen, uns zuhören und gegenseitig um das Verständnis für den anderen werben.

Auf der anderen Seite müssen wie dran bleiben und immer wieder klar und eindeutig sein bei der Abwehr von Homo- und Transphobie.

Wir müssen uns immer wieder gegen unverblümte Gewalt-Attacken zur Wehr setzen wie etwa die Mordphantasien des Gambischen Präsidenten, der vor einigen Tagen von sich gegeben hat, dass er allen schwulen Männern die Kehle durchschneiden will.

Wir dürfen nicht darüber schweigen, was immer noch heute im Jahr 2015 passiert. In Russland, im Iran, in Uganda oder einem der anderen über 70 Ländern, in denen es Gesetze gegen gleichgeschlechtliche Liebe gibt, in denen Homosexuelle strafrechtlich verfolgt werden, in denen die Menschenrechte mit Füssen getreten werden.

Doch wir dürfen nicht nur in andere Kulturen schauen. Wir haben es gehört:

Zwei Drittel aller Homosexuellen in Europa trauen sich nicht, Händchen zu halten, jeder Zweite erlebt Diskriminierung, jeder fünfte sogar körperliche Gewalt.

Und deswegen brauchen wir eine Gesetzesänderung für das Levelling Up, damit endlich auch Lesben, Schwule und Transpersonen vor Diskriminierung auch bei Dienstleistungen geschützt werden. In sieben Jahren wurde diese Novelle nun zum dritten Mal hier in Österreich verhindert: Das ist eine Schande für die Menschenrechte.

Und bei aller Sympathie für das Engagement des neuen Papstes gegen Armut und Ungerechtigkeit:

Solange die katholische Kirche einen Botschafter ablehnt, nur weil er schwul ist, solange der jetzige Papst – ganz genau so wie sein Vorgänger – das Überwinden starrer Geschlechterrollen als eine „selbstgemachte Gefährdung der Menschheit“ bezeichnet, und somit Homosexuelle zur Bedrohung erklärt, ist er mitverantwortlich für die Hetzte gegen Homosexuelle und deren weltweite Ausgrenzung.

Aber: Wir müssen nicht nur dann klar und unmissverständlich gegen Homophobie aufstehen, wenn sie so unverblümt daher kommt wie gerade beschrieben.

Mindestens genau so wichtig ist es, gegen die Verharmlosung von Homo- und Transphobie zu kämpfen, wie sie seit einiger Zeit unter dem Motto: „Das wird man doch mal sagen dürfen“ gerade wieder chic wird. Denn der Rollback geben LGTBI findet nicht nur auf der großen politischen und publizistischen Bühne statt.

Mal ganz ehrlich: Machen wir uns nichts vor. Wenn ein Unterhaltungskünstler wie Andreas Gabalier sagt, Homosexualität würde heute verherrlicht und Kinder würden dadurch daran gehindert, sich ein eigenes Bild von Sexualität zu machen, dann ist das nicht nur homophob! Es ist auch eine Form von Homophobie, die in großen Teilen unserer Bevölkerung geteilt wird. Und eine Form von Homophobie dazu, bei der sich ein Großteil der Bevölkerung einig ist, dass es gar keine Homophobie ist.

Ja, es ist nicht einfach. Aber: Genau hier – hier müssen wir ansetzen. Weil: Solche „Ich hab ja nichts gegen Homosexuelle, aber“-Thesen erleben viele von uns täglich im Freundeskreis, auf der Arbeit und viele von uns neigen dazu, sie zu überhören und wegen sowas schon gar keine Diskussion anzufangen. Verständlich: Es ist schwieriger, jemandem, den wir jeden Tag sehen, jemanden, den wir mögen, ins Gesicht zu sagen, dass das, was er, was sie sagt, nicht so easy, nicht so lustig, nicht so harmlos ist, wie es klingt. Aber wenn wir da nicht widersprechen, werden wir selbst zum Teil des Problems. Ganz einfach, weil es nicht easy, nicht lustig und nicht harmlos ist!

Natürlich dürfen wir jemanden wie Andreas Gabalier oder die Leute in unserem Umfeld, die den gleichen Unsinn erzählen, nicht mit einem Hetzer wie dem eben genannten Präsidenten von Gambia vergleichen. Und doch müssen wir ihm, und all die vielen Menschen da draußen sagen:

Wenn sie von „Verherrlichung“ von Homosexualität sprechen, wo es doch nur darum geht, Homosexualität gleichberechtigt, gleichwertig und gleich sichtbar sein zu lassen, dann ist auch das eine Form von unverantwortlicher Diskriminierung.

Denn es ist nicht so, dass sich heterosexuelle Kinder und Jugendliche schuldig oder falsch fühlen, weil endlich auch Homosexuelle für das geachtet werden, was sie sind!

Aber es ist immer noch so, dass an jedem Tag, an jedem Ort in der Welt Kinder oder Teenager sich nur deswegen schuldig und minderwertig fühlen, nur deswegen das Gefühl haben, dass mit ihnen irgendetwas nicht stimmt, weil die Gesellschaft, und das sind nun mal zur allergrößten Mehrheit Heteros, ihnen genau das vermitteln.

Die Gesellschaft schuldet ihnen wie allen anderen Kindern ein Umfeld, dass ihnen vermittelt, dass sie richtig sind, eine Welt, in der sie sich nicht für das rechtfertigen müssen, was sie sind.

Wir wissen, was es heisst, unsere Gefühle zu verstecken. Wir wissen, wie es ist, über Witze zu lachen, die uns nicht gefallen. Wir wissen, warum wir nicht Händchen halten, auch wenn es andere tun. Wir müssen leider dauernd sagen, weil es dauernd anders dargestellt wird: Wir wollen keine Sonderrechte! Wir wollen keine Homo-Ehe, sondern eine Ehe, die keinen Unterschied macht, ob jemand hetero, oder homosexuell ist.

Und deswegen möchten wir heute einen ganz besonderen Gruß nach Irland schicken, denn morgen werden die irischen Bürger über eine Verfassungsänderung abstimmen, die bestimmen soll, dass eine Ehe vor dem Gesetz von zwei Personen, unabhängig von ihrem Geschlecht, geschlossen werden kann.

Und es wird Zeit, dass wir alle auch dieses Recht bekommen, denn wir wollen mit unserer Sexualität, mit unserer Liebe, unserer Zärtlichkeit nicht provozieren. Alles, was wir wollen, sind gleiche Maßstäbe für alle.

So lange in einer vergleichbaren Situation – und nur darum geht es – solange in einer vergleichbaren Situation Heteros beim Küssen, beim zärtlichen Berühren, bei einer öffentlichen Umarmung an die Liebe und Homos an die Angst denken, stimmt etwas nicht.

Solange sich Lesben, Schwule, Bi- Trans und Intersexuelle für das erklären müssen, was für Heteros normal ist, kann eine Gesellschaft nicht gesund sein.

Ja, es ist so. Nicht nur im Eurovision-Village, sondern auch im Cafe Prückel: Die Menschen werden sich an öffentliche Küsse zwischen zwei Frauen und zwischen zwei Männer gewöhnen müssen. Wir können es ihnen nicht ersparen!

So wie sich Hetero-Männer vor hundert Jahren daran gewöhnen mussten, dass Frauen auf einmal wählen durften! Und heute daran gewöhnen müssen, dass ihr Vorgesetzter im Büro eine Frau ist. Und so, wie die Weißen in Amerika damit klar kommen mussten, dass die Schwarzen im Bus auf einmal vorne sitzen durften.

Ja, so ist das. Vielfalt ist keine Verherrlichung, Herr Gabalier, Vielfalt ist keine Bedrohung, liebe katholische Kirche und Respekt vor Vielfalt heißt auch Respekt für jede Familie, die sich aus Liebe und Verantwortung gründet, liebe Herren Dolce & Gabbana!

Vielfalt macht uns stark. Jede und jeden von uns. Deswegen stehen wir heute hier. Deswegen halten wir zusammen. Und deswegen sagen wir noch einmal laut und deutlich: ENOUGH is ENOUGH! STOP HOMOPHOBIA! STOP TRANSPHOBIA!