USA: 30 Jahre Haft für HIV-Positiven, weil die Geschworenen homophob waren?

Wie weiße alte Menschen in Missouri das Leben eines schwulen schwarzen Studenten ruinierten

Michael J.
Archiv

Im Mai wurde Michael J., ein 23-jähriger College-Ringer, zu 30 Jahren Haft verurteilt. Sein Verbrechen: Er hatte seine Sexualpartner nicht darüber informiert, dass der HIV-positiv ist. Einen von ihnen dürfte er mit dem Virus angesteckt haben. Nun wurde klar: Die Geschworenen waren vermutlich schon zu Beginn der Verhandlung zu seinen Ungunsten voreingenommen.

Umstrittenes Gesetz ermöglicht lange Haftstrafe

Wenn ein HIV-Positiver im US-Bundesstaat Missouri Sex mit jemandem hat, ohne diesen vorher seinen Status zu informieren, begeht er ein Verbrechen. Auch, wenn es sich um Safer Sex handelt. Michael J., im Internet als „Tiger Mandingo“ bekannt, bekam dies am eigenen Leib zu spüren: Er wurde in fünf Fällen schuldig gesprochen. Nun muss er 30 Jahre in Haft, danach wird er bis zum Rest seines Lebens als Sexualstraftäter gebrandmarkt.

Ein Urteil, dessen Härte auch seine ehemaligen Sexualpartner überrascht. Er hätte höchstens „wie in Kalifornien, sechs Monate bis ein Jahr“ ins Gefängnis, erklärt Charles P., einer der Nebenkläger und Zeuge im Prozess, gegenüber dem Nachrichtenportal BuzzFeed. Dreißig Jahre Haft habe er nicht verdient, das sagte er auch dem Staatsanwalt: „Es ist fifty-fifty: Ich bin verantwortlich, er ist verantwortlich.“

Dass Michael J. die nächsten dreißig Jahre in Haft verbringt, liegt am Schuldspruch der zwölf Geschworenen und der offenbar unterdurchschnittlichen Leistung seiner Anwältin. Und da wird der Verlauf des Prozesses zumindest diskussionswürdig.

Die Auswahl der Geschworenen war fragwürdig

Denn von 51 möglichen Geschworenen waren nach Recherchen von „BuzzFeed“ bis auf eine schwarze pensionierte Krankenschwester alle weiß. Alle waren heterosexuell und HIV-negativ. Die meisten von ihnen waren um die 50 Jahre alt oder noch älter – und damit wahrscheinlich auch konservativer.

Auch waren alle in der Vorauswahl der Meinung, HIV-Positive, die ihre Sexualpartner nicht über ihre Infektion informierten, sollten verurteilt werden. Und als ob das nicht reichen würde, um einen fairen Prozess in Frage zu stellen, lassen auch die Ansichten der Geschworenen diesen bezweifeln: Denn die Hälfte von ihnen hielt Homosexualität für eine freie Entscheidung. Zwei Drittel waren sogar der Überzeugung, Homosexualität sei eine Sünde.

War die Anwältin überfordert?

Keine guten Karten für einen schwarzen schwulen HIV-Positiven wie Michael J. Aber warum hat Heather Donovan, die Pflichtverteidigerin des 23-Jährigen, diese Geschworenen im Vorverfahren nicht abgelehnt? Sie dürfte ebenfalls ein Problem mit dem Angeklagten gehabt haben – oder überfordert gewesen sein, wenn man die BuzzFeed-Recherchen genauer verfolgt.

Den Geschworenen sagte die Dame in ihrem grauen Kostüm zu Beginn des Prozesses, ihr Mandat sei „schuldig, bis seine Unschuld bewiesen ist“. Richter Jon Cunningham machte sie darauf aufmerksam, dass sie wohl das Gegenteil gemeint habe. Ihren Mandanten hat sie im Gerichtssaal die meiste Zeit ignoriert, sie „versäumte es sogar meistens, ihn zu grüßen, wenn er in den Gerichtssaal geführt wurde“, berichtet BuzzFeed. Den Rest der Zeit umklammerte sie ihre Notizen, manchmal sah man, wie sie mit den Zetteln in ihren Händen zitterte. Während der Vorauswahl der Geschworenen überprüfte sie nicht, ob diese Vorurteile hätten, homophob oder rassistisch waren.

Während der Vernehmung eines medizinischen Sachverständigen brach seine Anwältin in Tränen aus. Den Staatsanwalt beschuldigte Donovan, sie persönlich angreifen zu wollen. Einmal stürmte sie sogar aus dem Gerichtssaal. Und als sich die Nebenkläger widersprachen, ließ sie diese Aussagen umkommentiert, anstatt nachzubohren und sie auf die Folgen einer Falschaussage aufmerksam zu machen.

Besser ein Mörder als HIV-positiv?

Die harte Verurteilung von Michael J. scheint unter diesen Umständen kein Wunder – und sorgt für Kopfschütteln. „30 Jahre zu bekommen, weil man jemanden HIV ausgesetzt hat, ist dumm“, ärgert sich sein Ex-Freund Filip Cukovic. „Es wäre für ihn wahrscheinlich besser gewesen, wenn er stattdessen jemanden umgebracht hätte.“