Missbrauch bei den Domspatzen: Was wusste der Bruder des alten Papstes?

Es ist einer der größten Missbrauchsskandale innerhalb der römisch-katholischen Kirche, der in den letzten Jahren öffentlich gemacht wurde: Wie ein unabhängiger Gutachter am Freitag in seinem Zwischenbericht geschrieben hat, sollen mehr als 300 Regensburger Domspatzen von Priestern und Lehrern körperlich oder sexuell missbraucht worden sein.

Und während von allen Seiten Aufklärung gefordert wird, kritisiert einer die Aufarbeitung des Skandals heftig: Georg Ratzinger, Bruder des emeritierten Papstes Benedikt XVI. und von 1964 bis 1994 Leiter der Regensburger Domspatzen.

Aufarbeitung des Skandals für Ratzinger „Irrsinn“

Er bezeichnete die Aufklärung in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk (BR) als „Irrsinn“: „Es ist einfach Irrsinn, wie man über 40 Jahre hinweg überprüfen will, wie viele Ohrfeigen bei uns verteilt worden sind, so wie in anderen Einrichtungen auch“, so der 91-Jährige. Für ihn sei das Thema abgeschlossen, sagte er in dem Interview.

Wenige Stunden später relativierte er diese Aussagen wieder: Es sei richtig, alle Beschuldigungen rückhaltlos aufzuklären, heißt es in einer Stellungnahme, die das Bistum Regensburg veröffentlicht hat. Denn für das Bistum ist das Gutachten extrem unangenehm: In acht Monaten hat der Gutachter viermal so viele Fälle aufgedeckt wie das Bistum Regensburg in fünf Jahren.

Bis zu 600 Fälle, „von Streicheln bis hin zu Vergewaltigungen“

Mindestens 231 Kinder sollen zwischen 1953 und 1992 bei den Regensburger Domspatzen misshandelt, weitere 50 sexuell missbraucht worden sein. Die sexuellen Übergriffe reichten „von Streicheln bis hin zu Vergewaltigungen“. Darüber hinaus seien die Kinder teils blutig geschlagen worden – mit dem Stock, mit dem Siegelring, mit dem Schlüsselbund. Es handle sich um ein System, sagt Anwalt Ulrich Weber, der für das Bistum an einer unabhängigen Aufarbeitung des Skandals arbeitet.

Deshalb dürfte die Zahl der Opfer weit höher sein: Jeder dritte Domspatz könnte betroffen gewesen sein. „Ich sehe keinen Grund, an der Gesamtopferzahl von 600 bis 700 zu zweifeln“, sagt Weber.

Ratzinger will nichts gewusst haben, Gutachter widerspricht

Und das dürfte nur die Spitze des Eisbergs sein: Seit der Zwischenbericht des Rechtsanwalts am Freitag öffentlich wurde, meldeten sich bereits zwanzig neue Opfer. Georg Ratzinger will von alldem nichts gemerkt haben. „Von sexuellen Missbräuchen habe ich überhaupt nichts gehört in meiner Zeit“, erklärte er in einem Interview mit der „Passauer Neuen Presse“ (PNP).

Damit widerspricht er auch dem Gutachter, der davon ausgeht, dass Ratzinger sehr wohl von den Übergriffen gewusst habe. „Davon gehe ich aus“, sagte Weber bei der Pressekonferenz zur Veröffentlichung des Zwischenberichts. Einen Beweis dafür gebe es in den Akten aber nicht.

Das liege auch daran, so Weber, dass über sexuellen Missbrauch „untereinander größtenteils gar nicht kommuniziert wurde“. Das ist bemerkenswert, schließlich ist im Gutachten von insgesamt 42 beschuldigten Priestern und Lehrern die Rede. Das Bistum hatte bisher nur von zwei Tätern gesprochen.

Vorwurf: Bub wurde wie besessen verprügelt – und Ratzinger saß daneben und lachte

Die vom Skandal Betroffenen sind von dem Interview in der PNP empört – denn geführt hat es Karl Birkenseer, der selbst dem Stiftungsrat der Domspatzen angehört. Michael Sieber, Sprecher der Opfer und selbst ein ehemaliger Domspatz, spricht deshalb von einem „Gefälligkeitsinterview“.

Sieber betonte, dass mehrere ehemalige Domspatzen versichern, dass Ratzinger „auch über den sexuellen Missbrauch im Regensburger Internat, zumindest über den Verdacht, informiert war, ohne dagegen einzuschreiten oder sich wenigstens zu informieren, ob die Verdächtigungen wahr sind“.

Eines der Opfer hat Sieber berichtet, dass ihn der ehemalige Direktor der Domspatzen, Johann Maier, im Speisesaal „wie besessen“ verprügelt habe, weil er seinen Schweinsbraten nicht aufgegessen habe. Ratzinger habe daneben gesessen und gelacht, erinnert sich das Opfer.

Veantwortlicher Ex-Bischof sitzt nun im Vatikan

Dass die Vorfälle nicht schon früher aufgeklärt wurden, daran ist nach Meinung vieler der ehemalige Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller verantwortlich. Er hatte die Missbrauchsvorwürfe als „Einzelfälle“ und Medienkampagne abgetan. Doch im Bistum kann er deshalb nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werde. Er wurde befördert. Nun ist er Präfekt der Glaubenskongregation im Vatikan.