Studie: „Patient Zero“ Gaëtan Dugas war nicht der erste HIV-positive Amerikaner

Internationale Forscher haben den Weg des HI-Virus in die USA nun detailliert nachzeichnen können.

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Es gibt neue Erkenntnisse darüber, wie HIV in die Vereinigten Staaten von Amerika kam.  Sie sprechen vor allem den Kanadier Gaëtan Dugas frei: Er galt lange als „Patient Zero“, der die damals todbringende Immunschwäche-Krankheit Anfang der 1980er in die USA gebracht hat.

Doch diesen Ruf hat Dugas, der 1984 selbst an den Folgen von AIDS starb, zu Unrecht. Das hat eine Studie von Forschern um den Evolutionsbiologen Michael Worobey von der University of Arizona in Tucson nun bewiesen. Im Gegenteil: Der Flugbegleiter der Air Canada wurde unter anderem deshalb dämonisiert, weil er den Behörden umfassende Informationen über sein promiskures Sexualleben gab.

Der HI-Virus war bereits um 1970 in den Vereinigten Staaten

Nach den neuesten Erkenntnissen der Forscher kam der HI-Virus bereits um 1970 in die Vereinigten Staaten. Dazu untersuchten die Forscher mehr als 2000 Blutproben, die 1978 im Rahmen von Hepatitis-B-Studien von schwulen Männern in New York und San Francisco genommen wurden. Das Ergebnis: 6,6 Prozent der Proben aus New York und 3,7 Prozent der Proben aus San Francisco waren HIV-positiv – lange, bevor Gaëtan Dugas ins Spiel kam.

Ins Land kam der Virus vermutlich zwischen 1969 und 1973 über die Karibik. Das bestätigt Theorien, wonach HIV-1 M, die mittlerweile am häufigsten verbreitete Variante des HIV-Virus, um 1920 in Kinshasa entstanden sei. Offenbar wurden dazu Varianten des bei Affen vorkommenden SI-Virus (Simian Immunodeficiency Virus) mehrmals auf Menschen übertragen.

Jahrzehntelang blieb er im Kongobecken, ehe er sich über das westliche Zentralafrika in die Karibik verbreitete. Über Haiti, wo ein Vorläufer des Virus zwischen 1963 und 1970 aufgetaucht sein dürfte, gelangte sie dann in die USA. Dazu berechneten die Forscher die Mutationsrate des Virus.

Zahl der Infizierten in den USA verdoppelte sich alle zehn Monate

In den Vereinigten Staaten verdoppelte sich die Zahl der Infizierten zunächst alle zehn Monate. Im Jahr 1976 dürfte HIV dann in San Francisco erstmals aufgetaucht sein. Ein Jahr später waren in den USA mehr Menschen an dem noch namenlosen Virus infiziert als in der Karibik.

Zur Epidemie wurde die Krankheit dann an der Ostküste: „In New York City traf das Virus auf eine Population, die wie trockener Zunder wirkte“, erklärt Forscher Worobey. „Das sorgte dafür, dass sich so viele Menschen infizierten, dass die Welt zum ersten Mal darauf aufmerksam wurde.“

Doch auch das dauerte noch. Bis die Immunschwäche-Krankheit AIDS im Jahr 1981 zum ersten Mal diagnostiziert wurde, vergingen weitere Jahre. Dass HIV der Auslöser dafür war, wurde weitere zwei Jahre später festgestellt.

„Patient Zero“: Ein Missverständnis und ein Schreibfehler

All diese Erkenntnisse entlasten Gaëtan Dugas, jenen Mann, der lange als „Patient Zero“ galt – jener Mann, der HIV in die USA gebracht hat. Denn bei ihm wurde der Virus erst in den 1980ern entdeckt. Und die Rekonstruktion des HIV-Genoms, mit dem er infiziert war, zeigt eindeutig, dass er nicht zu den ersten Infizierten gehörte.

Seinen Ruf als „einer der am meisten dämonisierten Patienten der Geschichte“, wie ihn Studien-Co-Autor Richard McKay von der Universität Cambridge nennt, hatte er durch einige Missverständnisse bekommen. So hielt ihn die amerikanische Seuchenbehörde CDC als „Zentrum in einem Netzwerk homosexueller Männer“ – weil er den Behörden half und so gut wie möglich Auskunft über seine zahlreichen Sexualkontakte gab.

Die Behörde bezeichnete ihn als Patient mit der Nummer 057, oder aber als „Patient O“. Das „O“ stand für „Outside of the USA“, weil er kein US-Bürger, sondern Kanadier war. Im Jahr 1987 macht der Journalist Randy Shilts für sein Buch „AIDS. And the band played on. Die Geschichte eines großen Versagens“ aus dem Buchstaben eine Ziffer – und aus „Patient Outside“ wurde „Patient Zero“, der mutmaßliche Urheber der AIDS-Epideme in den Vereinigten Staaten.

Gaëtan Dugas war der perfekte Sündenbock

Gaëtan Dugas, erklärt Worobey, „war bloß einer von vielen, die sich schon angesteckt hatten, bevor die Krankheit als solche erkannt wurde“. Sein Schicksal zeigt beispielhaft, wie die Öffentlichkeit mit Seuchen umgeht. „In der Geschichte von Krankheiten gab es immer wieder das Bedürfnis, einen Schuldigen zu finden“, erklärt Anthony Fauci, Direktor des National Institute for Allergy and Infectious Disease in Bethesda im US-Bundesstaat Maryland.

Mit der Kombination von Homophobie und Sexualmoral auf der einen und dem Unwissen über AIDS auf der anderen Seite war Dugas ein perfekter Sündenbock. Dabei war er selbst nur ein Opfer – das selbst mithelfen wollte, die Krankheit zu stoppen, die ihn am 30. März 1984 schließlich tötete.