London begnadigt fast 50.000 schwule Männer

Sie wurden wegen homosexueller Handlungen verurteilt, die heute legal sind

Justitia
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In England und Wales begnadigt die Regierung posthum etwa 49.000 Männer, die wegen ehemals unter Strafe gestellten homosexuellen Handlungen verurteilt worden waren. Das entsprechende Gesetz ist als „Turing-Gesetz“ bekannt, in Erinnerung an den schwulen Mathematiker Alan Turing. Es betrifft alle Verurteilungen, die heute keine Straftat mehr darstellen. Mit der Zustimmung der Königin ist dieses Gesetz am Dienstag in Kraft getreten. In Schottland und Nordirland sind die Regionalparlamente zuständig, in Nordirland ist ein entsprechendes Gesetz bereits auf dem Weg.

Noch lebende Verurteilte müssen um Begnadigung ansuchen

Nach Auskunft des britischen Justizministeriums können die etwa 15.000 noch lebenden Verurteilten bereits seit 2012 die Aufhebung ihres Urteils beantragen, nun können sie auf eine nachträgliche Begnadigung hoffen. Allerdings müssen sie offiziell darum ansuchen, eine Entschädigung ist nicht vorgesehen.

Damit will die Regierung verhindern, dass auch Straftäter begnadigt werden, die wegen sexueller Handlungen mit Minderjährigen oder wegen sexueller Übergriffe verurteilt wurden. Das sorgt für Kritik der LGBT-Community: So heißt es, die noch lebenden Opfer der anti-homosexuellen Gesetze würden durch ihr Ansuchen um Begnadigung noch einmal gedemütigt. Außerdem sei der Begriff „Begnadigung“ nicht für Taten angemessen, die niemals strafbar hätten sein sollen.

Die größte britische LGBT-Organisation Stonewall begrüßt das Turing-Gesetz: „Das ist ein wichtiger Meilenstein, der helfen wird, einen Strich unter den Schaden zu ziehen, der in Tausenden von Leben angerichtet wurde“, so der Verband.

Benannt nach dem schwulen Mathematik-Genie Alan Turing

Von der Begnadigung ausgenommen sind übrigens Männer, die wegen Sex auf einer öffentlichen Toilette festgenommen wurden – das ist in Großbritannien auch heute noch strafbar. Aktivisten kritisieren, dass die Beibehaltung dieser Verurteilungen nicht die Lebensumstände der damals noch stigmatisierten Männer berücksichtige.

Das Gesetz wurde nach dem Mathematiker Alan Turing benannt: Im Zweiten Weltkrieg wurde er zunächst als Held gefeiert, weil er den deutschen Enigma-Code geknackt hatte. Wegen seiner Homosexualität wurde er aber im Anschluss immer stärker gemieden. Im Jahr 1952 wurde er wegen „grob unsittlicher Handlungen und sexueller Perversion“ verurteilt und einer chemischen Kastration unterzogen. Als Folge dieser Kastration litt er an Depressionen, zwei Jahre später nahm er sich das Leben. Erst im Jahr 2013 wurde Turing von der Queen posthum begnadigt.