Aus Angst: 23-jähriger Schwuler schießt seinen Bruder nieder

War die Angst berechtigt oder nur die Folge einer psychischen Erkrankung?

Justitia
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In Köln steht heute ein 23-jähriger Schwuler vor Gericht, der seinen 32-jährigen Bruder angeschossen hatte, weil dieser ein Problem mit dessen Homosexualität gehabt haben soll. Angeblich hat er seinen jüngeren Bruder deshalb auch schon zusammengeschlagen. Die Tat ereignete sich im Juni letzten Jahres im Leverkusener Stadtteil Quettlingen – und wirft einige Fragen auf.

„Schande für die Familie“ oder „jeder Jeck ist anders“?

Was die Hintergründe des Dramas sind, das sich in der aus Marokko stammenden Familie ereignet hat, bleibt noch unklar. Der 23-Jährige berichtet, er sei von seinem älteren Bruder jahrelang als „Schande für die Familie“ bezeichnet worden. Einmal soll er ihn sogar vor einer Schwulenbar in Köln zusammengeschlagen haben. Daraufhin besorgte sich der junge Mann eine Schusswaffe, eine serbische Zastava vom Kaliber 7,65, zu seinem Schutz.

Das weist der 32-Jährige vor Gericht zurück: Dass sein kleiner Bruder schwul ist, habe er erst erfahren, als die Polizei bei ihm aufgetaucht sei. Dieser habe ihn wegen der Prügelei vor der Schwulenbar angezeigt, doch dem älteren Bruder zufolge war dieser Vorfall frei erfunden. Denn er habe kein Problem mit der sexuellen Orientierung seines Bruders, berichtet der „Leverkusener Anzeiger“: „Ich bin im Rheinland geboren und aufgewachsen und weiß sehr genau, dass jeder Jeck anders ist“, sagte er am ersten Verhandlungstag mit leicht kölschem Einschlag im Zeugenstand.

Staatsanwaltschaft plädiert für Einweisung des 23-Jährigen

Nicht frei erfunden ist hingegen die psychische Störung des Angeklagten: Bei ihm wurde eine paranoide Psychose diagnostiziert. In seinem Wahn behaupte der 23-Jährige schon seit mehreren Jahren, dass er ein Zauberer und seine älteste Schwester eine Hexe seien und er sie deswegen töten müsse, erinnert sich der 32-Jährige. Der Staatsanwalt glaubt deshalb, dass der junge Mann bei dem Angriff auf seinen älteren Bruder im Zustand der Schuldunfähigkeit gehandelt habe und könne deshalb nicht bestraft werden könne, sondern müsse in eine Heilanstalt eingewiesen werden solle.

Und dann geht es um diesen einen Tag, den 19. Juni 2016. Vor der Wohnung ihrer Eltern treffen die Brüder aufeinander. Sie wollten sich von ihrem Vater verabschieden, der einen längeren Urlaub in Marokko antreten wollte. Plötzlich spürte er einen „heißkalten Druck“ im Rücken, erinnerte sich der 32-Jährige. Hinter ihm stand sein jüngerer Bruder, beide Hände auf der Waffe. Dieser feuerte weiter. Zwei Kugeln dringen in seinen Unterleib ein, eine andere schlägt den linken Arm glatt durch.

Er habe ihn nicht töten wollen, sagt der 23-Jährige später. Er wollte sich nur Respekt verschaffen und weitere Übergriffe verhindern. Doch die Ärzte konnten das Leben des Bruders nur knapp retten. Dieser ist als Folge des Angriffs bis heute arbeitsunfähig. Für die Staatsanwaltschaft handelt es sich deshalb um versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung. Der Prozess, der letzte Woche begonnen hat, wird heute fortgesetzt. Insgesamt sind sechs Verhandlungstage vorgesehen. Ob sie Licht ins Dunkel dieses Familiendramas bringen können, darf indes bezweifelt werden.