Berlin: Konflikt um schwulen Kita-Erzieher

Eltern protestierten gegen offen schwulen Erzieher, Unterstützung gibt es aus der Politik

Brandenburger Tor
Groman123/Flickr - CC BY-SA 2.0

In Berlin protestieren Eltern gegen einen offen schwulen Erzieher in einer Kindertagesstätte (Kita) im Bezirk Reinickendorf. Das berichtet der „Tagesspiegel“. Die Berliner Politik ist empört – und macht klar: Man dulde keine Diskriminierung.

Die Vorgesetzten und die Kinder mögen den Erzieher – aber einige Eltern haben ein Problem

Die Geschäftsführerin, die namentlich nicht genannt werden möchte und insgesamt vier Kitas leitet, kann die Proteste nicht verstehen: „Wir sind doch in Berlin, wir sind doch im 21. Jahrhundert, da geht doch so etwas nicht“, sagt sie. Bei der Bewerbung hat der Mann seine Homosexualität erwähnt – und das war die Leiterin der Kita kein Problem.

Sie stellte den Mann wegen seiner Qualifikation ein. Bei einer Hospitanz in der Kita hat er sich sehr gut geschlagen, und in der täglichen Arbeit mögen ihn die Kinder. Doch die Eltern sind von dem schwulen Erzieher nicht so begeistert. Sie fühlten sich zunächst von der Ankündigung überrumpelt, dass ein Mann ihre Kinder betreuen soll. „Wir wollen nicht, dass ein Mann unsere Kinder wickelt oder zur Toilette begleitet“, ließen einige wissen.

Einige Eltern nahmen ihre Kinder wegen dem schwulen Erzieher aus der Einrichtung

Es kam zu einer Versammlung, da erfuhren die Eltern, dass der neue Erzieher homosexuell ist. Rund ein Dutzend Mütter und Väter machten ihrem Unmut Luft. „Sie sagten, sie würden nicht mehr kommen, wenn man einen Homosexuellen einstelle“, erinnert sich die Geschäftsführerin. Die Eltern, die vorwiegend aus dem arabischen Bereich, Russland, der Türkei und Rumänien kommen, drohten eine Unterschriftenaktion gegen den Erzieher an.

Die Kinder jener Eltern, die sich am heftigsten beschwerten, wechselten die Kita – und die Geschäftsführerin gab dem schwulen Erzieher den Job. Der lehnte nach der Aufregung um ihn zunächst ab, seit Kurzem arbeitet er nun doch in der Kita. „Viele Eltern waren schockiert, als sie von den Protesten gehört hatten. Sie stehen zu mir, die Erzieher auch“, sagt er dem „Tagesspiegel“.

Politik macht klar: „Der Vorfall ist nicht akzeptabel“

Sandra Scheeres von der SPD, zuständige Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, kritisiert die Eltern: „Wir dulden keine Diskriminierung. Wir möchten den Anteil der männlichen Erzieher in den Kitas erhöhen, da diese ein wichtiges Rollenvorbild für die Kinder sind“, sagt sie dem „Tagesspiegel“. Für Hakan Tas, offen schwulen Sprecher der Linksfraktion für Inneres und Partizipation, ist der „Vorfall nicht akzeptabel“. Er macht klar: „Auch die islamischen Verbände sind hier in der Pflicht.“

Das Problem mit einem schwulen Erzieher an muslimischen Eltern festzumachen, wäre allerdings ein gefährlicher Trugschluss: Denn seit einigen Jahren machen auch christliche Fundamentalisten mit Unterstützung von Abgeordneten aus Parteien wie AfD, FPÖ, CDU oder ÖVP mobil gegen das, was sie „Frühsexualisierung von Kindern“ nennen – Pädagogen nennen es übrigens altersgerechte Aufklärung.

Nicht nur muslimische Eltern sind ein Problem für schwule oder lesbische Erzieher

Dass diese Episode auch in anderen Kindergärten oder Schulen passieren hätte können, weiß auch Nuri Kiefer. Der Direktor einer Berliner Gemeinschaftsschule engagiert sich in der „Arbeitsgemeinschaft Schwule Lehrer“ und ist Vorsitzender der Berliner Lehrergewerkschaft. „Es gibt eine latente Homophobie gerade im Kita- und Grundschulbereich“, so Kiefer im „Tagesspiegel“ – auch wenn solche extremen Beispiele die Ausnahme sind.

Und ähnliche Fälle gibt es auch im christlichen Umfeld: So wurde beispielsweise im Jahr 2012 in Neu-Ulm der befristete Vertrag einer Erzieherin in einer katholischen Kita nicht verlängert, weil sie lesbisch ist. Ebenfalls in Neu-Ulm wurde 2015 der Leiterin eines katholischen Kindergartens ein Auflösungsvertrag angeboten, nachdem sie dem Arbeitgeber die Bescheinigung über die Begründung ihrer homosexuellen Lebenspartnerschaft vorgelegt hat. Ihre Lebensführung, so die Begründung, stimme mit den „Grundsätzen der katholischen Glaubens- und Sittenlehre“ nicht überein.