Bis zu fünfzig tote schwule Männer in Tschetschenien?

Ein 16-Jähriger war "nur mehr ein Sack voller Knochen", als er nach der "Haft" nach Hause kam

Gefängnis
Symbolbild - Fotoloa

Seit die russische Zeitung „Nowaya Gazeta“ am Samstag das erste Mal über die Verschleppung, Folterung und Ermordung hunderter schwuler Männer in Tschetschenien berichtet hat, kommen jeden Tag neue, schreckliche Details ans Tageslicht.

Menschenrechtsgruppen befürchten bis zu fünfzig Tote

Russischen Medien zufolge sollen zwei Männer lebendig begraben worden sein, berichtet eine Moskauer LGBT-Aktivistin. Insgesamt drei Tote sind der „Nowaya Gazeta“ durch ihre Recherchen namentlich bekannt, für einen vierten Toten habe die Zeitung „belastbare Beweise“. Nach Schätzungen der Zeitung könnte die Zahl der Toten zwischen 20 und 50 liegen, bis zu 150 Männer könnten von der tschetschenischen Regierung festgenommen sein.

Manche von ihnen wurden nach Informationen des russischen LGBT Networks freigelassen oder freigekauft, könnten dann aber wegen ihrer sexuellen Orientierung von der eigenen Familie verstoßen, verschleppt oder getötet worden sein . Einige Betroffene konnten rechtzeitig aus Tschetschenien fliehen.

Ein bekannter islamischer Theologe soll unter den Todesopfern sein

Wie die unabhängige regionale Zeitung „Kawkaski Usel“ berichtet, gibt es in einigen WhatsApp-Gruppen das Gerücht, ein bekannter Theologe sei im Rahmen der Verfolgungswelle getötet worden. Der Mann wurde in den letzten Wochen nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen.

„Sie haben nicht nur junge Leute getötet, sondern auch erwachsene Männer bis zu 50 Jahren. Unter ihnen sind auch berühmte Persönlichkeiten Tschetscheniens. […] Der Jüngste ist 16 Jahre alt. Er kommt aus unserem Dorf. In diesen Tagen haben sie ihn völlig zusammengeschlagen hergebracht, er war nur ein Sack voller Knochen. Sie haben ihn vor die Tür geworfen und gesagt, man möge ihn töten. Er soll noch immer nicht ganz bei sich sein“, zitiert die „Nowaya Gaseta“ einen anonymen Post in der russischen Facebook-Variante VKontakte.

Auf einem augenscheinlich verlassenen Areal geschlagen und mit Stromschlägen gefoltert

Wie das Online-Portal „queer.de“ berichtet, bezieht die „Nowaya Gaseta“ ihre Informationen vor allem aus den Aussagen von zwei Zeugen, die mit ihren Familien Russland mittlerweile verlassen haben, sowie von E-Mails, die ein russisches LGBT-Netzwerk von Betroffenen erhalten hatte.

Einer der Zeugen berichtete der Zeitung sehr ausführlich über seine Torturen: Zunächst sei er zu einem Areal gebracht worden, das verlassen wirkte – in Wirklichkeit werden dort aber Menschen festgehalten, teilweise schon seit Jahren. Er musste in einer kleinen Ecke stehen und wurde nur zwei- oder dreimal pro Tag in einem anderen Gebäude zu einer Toilette geführt.

„Mehrere Male pro Tag wurden wir abgeholt und geschlagen. Ihre Hauptaufgabe war, deinen Bekanntenkreis herauszufinden“, berichtet der Mann der russischen Zeitung. Die tschetschenischen Behörden gingen offenbar davon aus, dass jeder Bekannte eines Schwulen selbst schwul sei. Geschlagen wurde mit Kunststoffstangen – immer unterhalb der Gürtellinie: „Beine, Hüften, Hintern, Taille. Sie sagten, wir wären wie Hunde, die kein Recht auf Leben haben. Sie haben die anderen Inhaftierten gezwungen, sich über uns lächerlich zu machen.“

Er selbst sei unter anderem mit Stromschlägen gefoltert worden. „Ich habe so viel gelitten wie ich konnte. Dann habe ich das Bewusstsein verloren und bin hingefallen. Wenn der Strom eingeschaltet wird und der Körper anfängt zu zucken, hörst du mit dem Denken auf und beginnst zu schreien. Die ganze Zeit, die du da sitzt, hörst du die Schreie von den Leuten, die gefoltert werden“, erinnert sich der Zeuge in der „Nowaya Gaseta“ an sein Martyrium.

Ein Häftling wurde so stark geschlagen, dass er offene Wunden hatte – zum Sterben wurde er nach Hause geschickt

An einen Häftling erinnert sich der Zeuge besonders gut: „Da war ein Mann, er wurde gesondert gefoltert, er saß länger als wir. Er war komplett gebrochen, er wurde so stark geschlagen, dass sein Körper offene Wunden hatte. Er wurde seinen Verwandten übergeben und nach einer Weile wusste man, dass er beerdigt worden war.“

In einer E-Mail an das russische LGBT-Netzwerk beschreibt ein Zeuge seine Inhaftierung in Argun. Er war von 28. Februar bis 7. März in dem Geheimgefängnis, das offiziell ein leerstehender Militärkomplex ist, inhaftiert. Mit ihm waren etwa ein Dutzend anderer Männer wegen ihrer Homosexualität in Haft, unter ihnen ein bekannter tschetschenischer Friseur und eine TV-Persönlichkeit. „Den Festgenommenen wurde praktisch kein Essen gegeben. Sie wurden oft zu Tode gemetzelt“, erinnert er sich an die Haft.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hat die Recherchen der „Nowaya Gazeta“ mittlerweile in Grundzügen bestätigt. Diese stimmen mit Berichten überein, „die Human Rights Watch in der letzten Zeit aus mehreren verlässlichen Quellen erhalten hat, darunter Quellen vor Ort“.