Tschetschenien verfolgt schwule Männer bereits seit Dezember systematisch

Neue Recherchen zeigen, wie brutal die Regierung gegen schwule Männer vorgeht

Flagge von Tschetschenien
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Die Verfolgung schwuler Männer in der russischen Kaukasusrepublik Tschetschenien hat offenbar schon bedeutend früher angefangen als bisher bekannt – und die Behörden von Präsident Ramsan Kadyrow gehen dabei sehr systematisch vor. Das berichtet der vom US-Kongress finanzierte russische Radiosender „Radio Swoboda“, ein Ableger des in Prag beheimateten „Radio Free Europe“.

Erste Verhaftungen gab es bereits im Dezember

Wie der Journalist Sergej Hazow-Cassia unter Berufung auf Geflüchtete berichtet, hat es die ersten Massenverhaftungen schwuler Männer demnach bereits im Dezember 2016 gegeben. Er bestätigt auch Berichte der unabhängigen russischen Zeitung „Novaya Gazeta“, wonach viele Männer in ein Geheimgefängnis in Argun, 16 Kilometer östlich der Hauptstadt Grosny, gekommen sind. Weitere Männer sollen in ein anderes Gefängnis nach Zozin-Jurt, 30 Kilometer südöstlich von Grosny, gebracht worden sein.

„Diejenigen, die geflüchtet sind, sagten, dass sie alle in einem Raum festgehalten wurden, 30 bis 40 Männer“, berichtet die russische LGBT-Aktivistin Svetlana Sacharowa der „Novaya Gazeta“. Die Männer würden mit Elektroschocks gequält und immer wieder geschlagen, manchmal bis zu ihrem Tod. Zwei Männer sollen von den Sicherheitsbeamten sogar lebendig begraben worden sein.

Bereits vorher wurden schwule Männer von Polizei und Armee entführt und erpresst

Bereits vorher haben Polizei und Militär schwule Männer immer wieder erpresst. Doch seit Dezember hat diese Form der Gewalt eine neue Stufe der Professionalität erreicht – die Verhaftungen und Folterungen finden nun offenbar organisierter statt als zuvor. In den Gefängnissen wollten die Sicherheitskräfte gezielt weitere Kontakte der Männer herausfinden, um auch diese zu verhaften und zu foltern.

Dabei missbrauchen die tschetschenischen Behörden auch schwule Dating-Apps für ihre Zwecke: Über die in der Region beliebte Dating-App „Hornet“, die auf einigen Handys der Festgenommenen installiert war, versuchten die Polizisten und Militärs, weitere Männer in ihre Falle zu locken. Die meisten von ihnen wurden dann in ihren Wohnungen festgenommen, einige auch am Arbeitsplatz.

„Einer meiner Freunde wurde im Dezember verhaftet, dann freigelassen, nachdem er alle seine Freunde ausgeliefert hat. Das letzte Mal habe ich mit ihm vor zwei Wochen gesprochen; er weinte und meinte, dass sie ihn wieder suchen würden. Was aus ihm wurde, weiß ich nicht“, berichtet ein 27-jähriger schwuler Tschetschene dem Radiosender.

Erste Todesfälle im Februar dürften „Unfälle“ von Kadyrows Folterknechten gewesen sein

„Die Zahl der Opfer ist exponentiell gewachsen“, bestätigt auch Sergej Hazow-Cassia das Ergebnis seiner Recherchen auf Radio Swoboda. Im Jänner habe es dann vorübergehend weniger Verhaftungen gegeben, im Februar stieg die Zahl der Festgenommenen allerdings besonders stark an.

Die ersten Toten dieser Verfolgungswelle dürfte es im Februar gegeben haben: Einerseits hätten Polizei und Militär schwule Männer „versehentlich zu Tode gefoltert“, wie es der Journalist nannte, andererseits wurden einige Männer an ihre Verwandten übergeben, damit diese sie töteten. Der Sender wisse von zwei solcher „Ehrenmorde“. Einer davon war erst 19 oder 20 Jahre alt, so der Augenzeuge. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es nicht.

Existenz einer „schwulen TV-Persönlichkeit“ wurde nachträglich ausgelöscht

Offiziell leugnet das Regime von Präsident Kadyrow, dass es in Tschetschenien Ehrenmorde gebe. „Derartige Traditionen gibt es weder in den Bräuchen des Volkes noch im Islam“, distanzierte sich Kadyrow im Jahr 2008 offiziell von dieser Praxis. Genauso verneint die Regierung, dass es in der russischen Kaukasusrepublik Homosexualität gebe.

Wie bereits die „Novaya Gazeta“ berichtet hatte, ist auch eine bekannte tschetschenische TV-Persönlichkeit unter den Opfern. Der Umgang mit ihm zeigt, wie kaltblütig das Regime der Kaukasusrepublik ist: Das staatliche Fernsehen von Tschetschenien hat nach Recherchen von „Radio Swoboda“ mittlerweile nicht nur alle Berichte des Mannes aus dem Programm und dem Internet entfernt, sondern auch alle Videos, in denen er vorgekommen ist.

Will das tschetschenische Regime schwule Männer „umerziehen“?

Ruslan*, einer der Verhafteten, vermutet, den Beamten gehe es  darum, schwule Männer „umzuerziehen“: „Man sagte uns, dass wir ‚das‘ nicht mehr tun sollten“, sagte er Radio Swoboda. Die Polizisten, Ermittler und Militärangehörige hätten sich immer wieder darüber ausgetauscht, wie wichtig die Bekämpfung von Homosexualität sei, erinnert er sich.

Einige Männer flohen bereits nach den ersten Hinweisen auf eine neue Verfolgungswelle, andere erst, nachdem sie von den tschetschenischen Behörden wieder freigelassen worden waren. Viele von ihnen verstecken sich nun in russischen Städten wie St. Petersburg oder Moskau vor den Schergen des Kadyrow-Regimes – oder ihren eigenen Verwandten. Sie wissen: Beide würden sie umbringen.

LGBT-Netzwerk hilft Betroffenen unter extremen Sicherheitsvorkehrungen

Hilfe bekommen sie vor allem vom russischen LGBT-Network, in dem sich Organisationen aus dem ganzen Land zusammengeschlossen haben. Über russische und internationale Medien versuchen die Aktivisten, die Hotline und die Arbeit des Networks bekannt zu machen. Geholfen werde unter „beispiellosen Sicherheitsvorkehrungen“, erklärt Tatjana Winnischenko, die Vorsitzende des Verbandes, gegenüber „Radio Swoboda“. So wisse beispielsweise nur jeweils ein Mitarbeiter den Namen des Betroffenen.

Eine Flucht nach Europa kommt für die meisten schwulen Tschetschenen nicht in Frage. Sie fürchten, in das gleiche Flüchtlingslager wie ihre Landsleute zu kommen – eine Gefahr für Leib und Leben. „Viele überlegen eine Flucht nach Kanada, in die USA, nach Argentinien oder Mexiko. Unser ganzer Kontinent scheint für sie nicht sicher genug“, sagt Winnischenko resignierend.

*) Name geändert