Betroffener spricht: Das passiert in den tschetschenischen „Schwulen-KZ“

Mit Eisenstangen verprügelt, mit Elektroschocks gequält, mit Frauennamen gedemütigt

Gefängnis
Symbolbild - Fotolia

Bereits seit Dezember macht die tschetschenische Regierung Jagd auf schwule Männer. Wie willkürlich Armee und Polizei dabei vorgehen und welche Qualen diese Männer erleiden müssen, zeigt die Geschichte von Ruslan*.

Ruslan wollte spontan einen Freund besuchen – und landete im Gefängnis

Er hat Anfang März Licht im Fenster eines Freundes gesehen und angeklopft, erinnert er sich im Gespräch mit „Radio Swoboda“, einem Ableger des vom US-Kongress finanzierten Senders „Radio Free Europe“. Doch statt dem Bekannten öffneten Beamte die Tür. Zehn Tage lang wurde er in einem der Geheimgefängnisse des tschetschenischen Regimes festgehalten. Die Zustände dort sind menschenunwürdig.

„Wir haben in großen Baracken gelebt, 15 schwule Männer und 20 Drogensüchtige. Nachdem wir auftauchten, ist der Status der Süchtigen gestiegen: Sie durften sich über uns lustig machen“, erinnert sich Ruslan. Während die Süchtigen in Betten schlafen durften, mussten die Schwulen die Nächte fast nackt auf dem Boden verbringen. Die Süchtigen bekamen auch größtenteils jenes Essen, das die Verwandten der schwulen Männer gebracht hätten.

Die Insassen wurden jeden Tag geschlagen, gequält und gedemütigt.

Die Insassen, die wegen ihrer tatsächlichen oder vermuteten Homosexualität verhaftet wurden, wurden von den Wärtern täglich geschlagen, gedemütigt, mit Frauennamen angesprochen oder mussten vor anderen Insassen tanzen. Ein Gefangener sei in einen anderen Raum gebracht worden und mit Stangen geschlagen und Elektroschocks gefoltert worden, erinnert sich Ruslan. Andauernd hätten die Beamten gedroht, die Gefangenen zu töten. In ihren Verhören habe die Polizei immer wieder versucht, durch Folter die Namen weiterer Schwuler zu erfahren.

Bei der Verhaftungswelle geht es den Beamten offenbar darum, schwule Männer „umzuerziehen“, vermutet Ruslan: „Man sagte uns, dass wir ‚das‘ nicht mehr tun sollten.“ Die Polizisten, Ermittler und Militärangehörige hätten sich immer wieder darüber ausgetauscht, wie wichtig die Bekämpfung von Homosexualität sei, erinnert er sich im Gespräch mit Radio Swoboda.

Gegen Zahlung von einer Million Rubel sollte Ruslan wieder freikommen

Seinen Verwandten versprachen die Polizisten, dass Ruslan gegen Zahlung von einer Million Rubel, umgerechnet etwa 16.500 Euro, freigelassen werden würde – eine Summe, die seine Familie nicht aufbringen konnte. Nach zehn Tagen wurden die schwulen Gefangenen in einer Reihe aufgestellt und unter Demütigungen nacheinander ihren Verwandten übergeben.

Was mit den anderen Gefangenen geschah, weiß Ruslan nicht. Ihre Profile im russischen Facebook-Klon „VKontakte“ sind gelöscht. Von einem seiner Mitgefangenen habe er eine Traueranzeige gelesen – er vermutet, dass ihn seine eigene Familie umgebracht hat, weil er schwul war. Wie hoch die Zahl der Männer ist, die bereits getötet wurden, ist unklar – Schätzungen gehen von bis zu fünfzig Schwulen aus.

Auch sein Vater wollte ihn nach der Rückkehr mit einem Metallrohr schlagen. „Ich sagte: Warte. Ich zog mein mein T-Shirt aus und zeigte ihm, dass alles blau war: ‚Wo willst du mich noch schlagen?‘ Er verschwand und hat nicht mehr mit mir gesprochen“, erinnert sich der junge Mann. Er ist mittlerweile aus Tschetschenien geflüchtet.

*) Name geändert