Tschetschenien: Journalisten finden zwei neue Gefängnisse für schwule Männer

Journalisten werden bedroht, und Präsident Kadyrow soll eine gefährliche Drohung ausgesprochen haben

Gefängnis
Symbolbild - Fotoloa

Die Dimensionen, in denen schwule Männer in Tschetschenien verfolgt werden, sind offenbar größer als bisher angenommen. Wie die oppositionelle Tageszeitung „Nowaya Gaseta“ berichtet, sollen die verschleppten Männer nicht nur in vier, sondern in insgesamt sechs Internierungslagern gefangen gehalten und gefoltert werden.

Vier Geheimgefängnisse waren schon bekannt – doch es gibt mehr

„Wir wissen von vier Geheimgefängnissen. Zwei von ihnen sind in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny, eines in Argun – das ist das erste Geheimgefängnis, von dem wir erfahren haben, dass LGBT-Personen dorthin verschleppt, geschlagen, gefoltert und getötet werden“, erklärte die „Nowaya Gaseta“-Journalistin Elena Milaschina Mitte April der BBC. Argun liegt 16 Kilometer östlich der Hauptstadt Grosny. Weitere Männer sollen in ein anderes Gefängnis nach Zozin-Jurt, 30 Kilometer südöstlich von Grosny, gebracht worden sein.

Doch nun haben die Journalisten der „Nowaya Gaseta“ Anzeichen dafür gefunden, dass es noch zwei weitere Gefängnisse gibt, in denen schwule Männer vom tschetschenischen Regime inhaftiert werden. Mehrere hundert Männer sollen mittlerweile systematisch von Polizei und paramilitärischen Einheiten verhaftet worden sein. Unter Folter sollten sie andere schwule Männer verraten.

Die Männer werden gegen Lösegeld freigelassen – damit sie von der Familie getötet werden

Wie die Zeitung außerdem berichtet, werden die Männer, die in den Gefängnissen unter anderem mit Schlägen oder Elektroschocks gefoltert werden sollen, nur dann freigelassen, wenn ihre Familien für sie Lösegeld bezahlen. Die Regierung unter Präsident Ramsan Kadyrow rechnet offenbar auch damit, dass dann jemand aus den Großfamilie der Opfer die Männer tötet, um die Familienehre wieder herzustellen.

Informationen des britischen Außenministeriums zufolge hat Kadyrow angedroht, bis zum Beginn des islamischen Fastenmonats Ramadan alle schwulen Männer in Tschetschenien umzubringen. „Solche Stellungnahmen, Einstellungen und Taten sind mehr als verachtenswert“, erklärte Alan Duncan, Staatssekretär für Angelegenheiten des Äußeren und des Commonwealth, im britischen Parlament. Der Ramadan beginnt dieses Jahr am 26. Mai.

Tschetschenen bedrohen Journalisten, die die Verschleppungen aufgedeckt haben

Seitdem die „Nowaya Gaseta“ Anfang April über die Verschleppungen schwuler Männer berichtet hat, wird die gesamte Redaktion von Kadyrow-Sympathisanten bedroht. Kadyrow selbst griff am Samstag in einer Rede die Journalisten an, die die Verschleppung schwuler Männer aufgedeckt hatten: Die „korrupten, teuflischen Journalisten“ sollten „vor dem tschetschenischen Volk niederknien, weil sie es beleidigt und gedemütigt“ hätten, so der Präsident der russischen Kaukasusrepublik.

Verschiedene Menschenrechtsgruppen, die Vereinten Nationen und die OSZE haben mittlerweile den Kreml aufgerufen, die Vorgänge in Tschetschenien zu untersuchen und zu unterbinden. Schweden hat deshalb den russischen Botschafter einbestellt, auch die britische Botschaft in Moskau hatte in dieser Sache Kontakt zur russischen Regierung.

Dort gibt man sich ahnungslos: Wladimir Putins Pressesprecher Dimitri Peskow erklärte letzte Woche, ihm lägen keine Bestätigungen über Gewalt oder Festnahmen gegenüber schwulen Männern vor, sondern nur „Phantom-Beschwerden“ anonymer Personen, die sich doch an die Strafverfolgungsbehörden wenden sollten.