Brasilien legalisiert „Homo-Heilung“ nach 18 Jahren wieder

Ein Verbot der Behandlungen untergrabe die Forschungsfreiheit, urteilte ein Richter in der Hauptstadt Brasilia

Flagge von Brasilien
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18 Jahre lang waren in Brasilien „Konversionstherapien“ zur angeblichen „Heilung“ von Homosexualität verboten. Dann hat eine evangelikale Psychologin gegen das Verbot geklagt – und jetzt gewonnen. Damit sind die wirkungslosen und sogar gefährlichen Behandlungen in dem südamerikanischen Land wieder legal.

Eine Psychologin, die mit Gott spricht, klagt gegen das Verbot der umstrittenen „Konversionstherapien“

Im Jahr 1999 hat der brasilianische Psychologenverband „Konversationstherapien“ verboten. Der Verband hatte entschieden, dass Homosexualität keine Krankheit sei und die „Therapien“ zu erheblichen psychologischen Schäden bei den Betroffenen führten. Brasilien war somit das erste Land der Welt, das ein derartiges Verbot erlassen hatte.

Damit durften Psychologen diese Behandlung auch nicht anbieten. Die evangelikale Psychologin Rozangela Justino tat es trotzdem: Für sie ist Homosexualität eine „Krankheit“, die mit „religiöser Beratung“ bekämpft werden müsse. Dazu habe sie Gott persönlich in einem Gespräch aufgefordert. Sie verlor letztes Jahr deshalb ihre Lizenz. Dagegen hat sie geklagt.

Richter gibt der Psychologin recht und begründet die Entscheidung mit „Forschungsfreiheit“

Nun gab Richter Waldemar Carvalho vom Bundesgericht in der Hauptstadt Brasilia der Klage statt. Der Meinung des Richters zufolge verstoße das Verbot der pseudowissenschaftlichen Behandlung der in der Verfassung garantierten Forschungsfreiheit.

Sowohl unter LGBT-Aktivisten als auch unter Psychologen sorgt das Urteil für Entsetzen. „Man kann nicht etwas heilen, das keine Krankheit ist“, ist Rogèrio Giannini, Vorsitzender des Psychologenverbandes, im Gespräch mit dem britischen Guardian entsetzt. Dass das Verbot die Forschungsfreiheit einschränke, bezweifelt er: Schließlich ginge es bei der „Heilung“ von Homosexualität nicht um ein medizinisches Thema, sondern ein religiöses.

Psychologen, LGBT-Aktivisten und bekannte Künstler sind über die Entscheidung entsetzt

LGBT-Aktivist David Miranda, der auch im Stadtrat von Rio de Janeiro sitzt, bezeichnet die Entscheidung des Richters als „großen Rückschritt nach vielen Siegen in den letzten Jahrzehnten für die LGBT-Community“. Auch Brasilien leide wie viele andere Länder der Welt unter einer „konservativen Welle“, so Miranda.

Ivete Sangolo, eine der berühmtesten Sängerinnen Brasiliens, schrieb auf Instagram: „Die Kranken sind diejenigen, die an diese große Absurdität glauben.“ Auch Larissa Machado, unter ihrem Künstlernamen „Anitta“, eine der größten Popstars des Landes, kritisiert das Urteil: „Das ist es, was in meinem Land passiert. Menschen sterben, hungern, die Regierung tötet das Land mit Korruption, keine Bildung, keine Krankenhäuser, keine Möglichkeiten (…) und die Behörden verschwenden ihre Zeit damit, zu verkünden, dass Homosexualität eine Krankheit sei“, ärgert sie sich auf Instagram.

Evangelikale Kirchen, von den USA finanziert und gegen LGBT-Rechte, werden in Brasilien immer beliebter

Für die LGBT-feindliche Stimmung in Brasilien ist vor allem die steigende Zahl evangelikaler Kirchen und Organisationen verantwortlich. Bereits fast ein Viertel der brasilianischen Bevölkerung bekennt sich mittlerweile zu diesen wertekonservativen Gemeinden. Sie werden oft aus den USA finanziert und fassen vor allem in den Armengebieten, den Favelas, Fuß.

Erst letzte Woche hat ein Richter im Bundesstaat São Paulo ein Theaterstück verboten, das Jesus als Transgender-Person zeigt. Das Stück „The Gospel According to Jesus, Queen of Heaven“ (Das Neue Testament nach Jesus, Königin des Himmels) verletze die „christliche Würde“ und mache Jesus Christus „lächerlich“, urteilte ein Richter einen Tag vor der geplanten Aufführung.

Und dieser Angriff gegen queere Kunst war kein Einzelfall: Im vergangenen Monat hat die Santander-Bank eine Kunstausstellung mit dem Titel „Queermuseum“ im Süden Brasiliens schließen müssen – wegen der Proteste evangelikaler Aktivisten. Auch LGBT-Figuren in den beliebten brasilianischen Telenovelas sorgen immer wieder für Empörung.