Flüchtlings-Pläne der Regierung würden sexuelle Minderheiten besonders treffen

Zurückdrängen nichtstaatlicher Hilfsorganisationen betrifft LGBT-Flüchtlinge besonders

Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache
Bundeskanzleramt/Dragan Tatic

Besonders für Flüchtlinge, die einer sexuellen Minderheit angehören, könnten die neuen Pläne der Bundesregierung zum Problem werden. Vizekanzler Heinz-Christian Strache von der FPÖ hat angekündigt, verstärkt auf Großquartiere setzen zu wollen – und dort sind LGBT-Geflüchtete besonders unsicher.

Mehr „staatliche Verantwortung“ in der Flüchtlingsbetreuung

Nach der ersten Regierungsklausur im steirischen Seggau betonte Strache, dass der Innenminister dafür Sorge tragen wolle, dass künftig bei der Unterbringung von Asylwerbern die „staatliche Verantwortung“ wieder gelebt werde und dass dies nicht an private Vereine und NGOs ausgelagert werde, erklärte Strache. Es dürfe hier kein „Geschäftszweig“ entstehen. Am Tag zuvor hatte er in einem Interview mit dem ORF Wien vorgeschlagen, Flüchtlinge gesammelt in Kasernen unterzubringen.

Doch das könnte gerade für queere Geflüchtete zum Problem werden. Denn sie sind in Großunterkünften oft von Verfolgung bedroht, wie unzählige Beispiele aus Deutschland beweisen. So haben etwa im April 2017 zwei schwule Flüchtlinge aus dem Nahen Osten einen Mitbewohner ihrer Notunterkunft angezeigt: Dieser habe sie wegen ihrer sexuellen Orientierung mit dem Tod bedroht, so die 20 und 26 Jahre alten Flüchtlinge.

In herkömmlichen Unterkünften werden LGBT-Flüchtlinge immer wieder zu Zielscheiben

Im Juli ist ein schwules Flüchtlingspaar aus Serbien in einem deutschen Flüchtlingscamp von einem Mitbewohner angegriffen und ernsthaft verletzt worden. „Zuerst haben sie uns verprügelt, das zweite Mal haben sie uns mit einem Messer attackiert, und diesmal haben sie meinem Mann das angetan – im Camp, wo sie uns Sicherheit versprechen und uns die Securities schikanieren und andere Asylwerber verprügeln, weil wir homosexuell sind“, so eines der beiden Opfer.

Keine zwei Wochen später Ist in München ein schwuler Flüchtling in der Nähe seiner Unterkunft von drei Männern zunächst wegen seiner sexuellen Orientierung auf Arabisch beschimpft und verprügelt worden. Sowohl die betreuenden Asylsozialarbeiter als auch das Opfer gingen davon aus, dass die Angreifer aus der Gemeinschaftsunterkunft stammen, in der auch der schwule Flüchtling untergebracht ist. In Deutschland gibt es in Städten wie Berlin, Köln, Hannover oder Nürnberg deshalb bereits eigene Wohnmöglichkeiten für LGBT-Flüchtlingen.

Das Wohnumfeld ist wichtig für eine positive Entwicklung der Betroffenen

In Wien bemüht sich deshalb der Verein Queer Base darum, dass LGBT-Geflüchtete privat unterkommen. „Das Wohnumfeld ist wichtig, damit die Geflüchteten über ihre eigene sexuelle Identität sprechen und diese ausleben können“, erklärte Marty Huber von Queer Base schon vor einigen Wochen im GGG.at-Gespräch. Das erhöht auch die Chancen auf eine positive Erledigung des Asylantrages.

Huber fürchtet auch, dass unabhängige Organisationen vom FPÖ-gefährten Innenministerium weiter aus der Flüchtlingsbetreuung zurückgedrängt werden könnten. Das würde bei Queer Base neben der Beschaffung von privaten Unterkünften auch die Rechtsberatung der Betroffenen beeinflussen.

Derzeit wohnen in Wien zwei Drittel der Asylwerber, die sich in der Grundversorgung befinden, in privaten Quartieren. Das kommt die verantwortliche Stadtregierung – und damit den Steuerzahler – auch deutlich günstiger: Diese kosten durchschnittlich etwa 280 Euro pro Person und Monat, organisierte Unterkünfte aufgrund der Mehrausgaben für Personal oder Infrastruktur 730 Euro pro Monat und Person.


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