Nun werden auch Lesben und Trans-Frauen in Tschetschenien verfolgt

Seit Jänner gibt es Hinweise, dass schwule Männer nicht mehr das einzige Ziel sind

Gefängnis
Symbolbild - Fotolia

Am 1. April 2017 hat die unabhängige russische Zeitung Nowaja Gaseta zum ersten Mal über die Verfolgung schwuler Männer in Tschetschenien berichtet. Aus diesem Anlass haben die investigative Journalistin Elena Milaschina und Igor Koschetkow vom russischen LGBT-Network letzte Woche zu einer Pressekonferenz geladen – mit beunruhigenden neuen Informationen.

Neben schwulen Männern haben es die Behörden nun auf lesbische Frauen und Trans-Frauen abgesehen

So sollen in den Geheimgefängnissen von Präsident Ramzan Kadyrow nun neben schwulen Männern auch lesbische Frauen und Trans-Frauen festgehalten und gefoltert werden – ohne Anklage oder Verurteilung. Entsprechende Hinweise würden Menschenrechtsorganisationen schon seit Jänner vorliegen, so Koschetkow. Die Frauen würden von den Sicherheitskräften nicht nur geschlagen und gefoltert, sondern auch sexuell missbraucht, so der Aktivist.

Das LGBT-Network hat nach dem Bekanntwerden der Verfolgungen eine Hotline für Betroffene eingerichtet. An diese hätten sich auch zwölf lesbische und transsexuelle Frauen gewandt, erklärte der LGBT-Aktivist. Für Frauen sei die Flucht schwieriger, weil sie unter der ständigen Kontrolle ihrer Familie lebten. Auch deshalb gebe es über sie nur wenig gesicherte Erkenntnisse.

LGBT-Network konnte bis jetzt 114 Menschen bei der Flucht helfen

Insgesamt konnte das russische LGBT-Network 114 Menschen bei der Flucht aus Tschetschenien helfen. Aus Sicherheitsgründen sind 92 von ihnen bereits im Ausland. Sie befinden sich in Ländern wie Kanada, Frankreich, Litauen oder Deutschland in Sicherheit. Denn die tschetschenischen Behörden hätten Zugriff auf russische Meldedaten, und die Gefahr, dass Verwandte den Geflüchteten finden, ist zu groß. So wurden drei Personen, zu denen das LGBT-Network Kontakt hatte, von ihrer Familie entführt. Mindestens einer von ihnen soll mittlerweile tot sein.

In ihrem ersten Artikel hatte die Nowaja Gaseta darüber berichtet, dass in der teilautonomen russischen Kauksasusrepublik Tschetschenien mehr als hundert Männer verschleppt wurden, weil sie schwul sein sollen. Sie wurden ohne Anklage oder Verurteilung in Geheimgefängnissen festgehalten und oft gefoltert. Mindestens vier von ihnen überlebten diese Tortur nicht – andere wurden ihren Verwandten übergeben, mit dem Hinweis, sie wegen der Schändung der Familienehre töten zu können.

Kadyrow bestreitet erneut, dass es in Tschetschenien Homosexualität gibt

Das tschetschenische Regime reagierte auf die Veröffentlichungen mit demonstrativer Gelassenheit. Präsident Ramsan Kadyrow bestritt gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Novosti erneut, dass es in Tschetschenien überhaupt Schwule gebe. „Ich habe es zuvor gesagt und ich wiederhole, dass Männer in Tschetschenien nur eine Orientierung haben. Das beweist die Geburtsrate, die die höchste in Russland ist“, sagte er dem vom Kreml gesteuerten Medium.

Und auch sein Sprecher Alwi Karimow wies die Vorwürfe der Journalistin und des LGBT-Aktivisten zurück. Sie seien eine Lüge, die Tschetschenien in ein schlechtes Licht rücken sollte, sagte er. Gegenüber der Nachrichtenagentur Interfax drohte er den Betroffenen auch indirekt: „Auch wenn es solche Leute in Tschetschenien gebe, müssten sich unsere Strafverfolgungsbehörden nicht damit beschäftigen, weil sie ihre eigenen Verwandten einfach an einen Ort schicken würden, von dem sie nie mehr zurückkehren.“