Berlin: Bundespräsident entschuldigt sich für Verfolgung Homosexueller

"Ihr Land hat Sie zu lange warten lassen. Deshalb bitte ich heute um Vergebung für all das geschehene Leid und Unrecht"

Frank-Walter Steinmeier
Bundesregierung/Steffen Kugler

Seit zehn Jahren gibt es in Berlin ein Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Am Sonntag gab es deshalb einen Festakt in der deutschen Hauptstadt – bei dem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einer historischen Rede zum ersten Mal um Vergebung für das Leid bat, das auch nach dem Ende des Nationalsozialismus geschah.. Der 8. Mai 1945 sei für Homosexuelle „nicht der Tag der völligen Befreiung“ gewesen, so der Bundespräsident.

Der Nazi-Paragraf zur Verfolgung schwuler Männer blieb noch 20 Jahre in Kraft

Denn Paragraf 175 des Strafgesetzbuches, der alle gleichgeschlechtlichen Beziehungen zwischen Männern unter Strafe stellte, blieb in der neuen Bundesrepublik noch zwanzig Jahre in Kraft – in der durch die Nazis verschärften Version. Im Jahr 1969 wurden einvernehmliche Beziehungen zwischen Männern straffrei, erst 1994 wurde der Paragraf komplett abgeschafft.

Während des Nationalsozialismus seien Privatheit, Leben, Liebe und Würde zehntausender Homosexueller „auf niederträchtigste Weise angetastet, geleugnet und verletzt“ worden, betonte Steinmeier in seiner Rede: „Ihre Existenzen wurden vernichtet. Man hat sie gefoltert, in Zuchthäuser und in Konzentrationslager geschickt. Tausende dieser Männer kamen ums Leben“, erinnerte der deutsche Bundespräsident.

Schätzungen zufolge wurden während des Nationalsozialismus rund 54.000 Homosexuelle verurteilt. Etwa 7.000 von ihnen, darunter mehrheitlich schwule Männer, kamen in Konzentrationslagern aufgrund von Hunger oder Krankheiten, durch Misshandlungen oder gezielte Mordaktionen ums Leben.

„Ihr Land hat Sie zu lange warten lassen. Deshalb bitte ich heute um Vergebung“, sagt Steinmeier

Da Homosexualität auch nach dem Ende des NS-Regimes eine Straftat war, wurden diese Männer lange nicht entschädigt und blieben geächtet. „Ihr Land hat Sie zu lange warten lassen. Deshalb bitte ich heute um Vergebung – für all das geschehene Leid und Unrecht, und für das lange Schweigen, das darauf folgte“, so der Bundespräsident in klaren Worten. Er erinnerte daran, dass mehr als zwanzig Jahre lang in der Bundesrepublik Deutschland zehntausende schwule und bisexuelle Männer auf Grundlage von Paragraf 175 „verhaftet, verurteilt und eingesperrt“ worden seien.

Entschädigung für Unrecht, das sie erlitten haben, bekommen diese Männer erst seit einem Jahr: 2017 hat das deutsche Parlament ein Entschädigungsgesetz beschlossen. Von den bis zu 64.000 Männern, die bis zur Aufhebung des Totalverbotes im Jahr 1969 verurteilt worden sein dürften, haben das Schätzungen zufolge nur 5.000 erlebt. Davon haben bis zum Februar in ganz Deutschland erst 81 Männer um diese Entschädigung angesucht.

Der Bundespräsident bestärkt das Bekenntnis des Staates zur Unterstützung sexueller Vielfalt

Neben der Bitte um Vergebung kam von Steinmeier auch ein Bekenntnis für die Zukunft: Die sexuelle Identität aller Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Queers, Trans- und Intersexuellen stehe heute „selbstverständlich unter dem Schutz unseres Staates“. Im Kampf gehen Homo- und Transphobie gebe es allerdings „noch einiges zu tun“, so der Bundespräsident: „Wir können uns nicht zufrieden zurücklehnen, wenn homophobe Beleidigungen heute wie selbstverständlich auf dem Schulhof zu hören sind.“

Aus der Community kam Lob für die historische Rede Steinmeiers. Günter Dworek, Mitglied des Bundesvorstands des deutschen Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) sagte unter dem Applaus der Gäste, die Worte des Bundespräsidenten bedeuteten den Betroffenen „sehr, sehr viel“. Er betonte, dass mit Steinmeier zum ersten Mal seit der Einweihung vor zehn Jahren ein Staatsoberhaupt Denkmal gesprochen habe.

Das zentrale Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen wurde am 27. Mai 2008 eingeweiht. In dem grauen Kubus ist durch ein Fenster ein Film zu sehen, der in Endlosschleife läuft. Seit Sonntag läuft als insgesamt dritter Film ein Schwarz-Weiß-Video der israelischen Multimediakünstlerin Yael Bartana. Er zeigt zwei sich küssende Frauen und zwei sich küssende Männer.