Erste katholische Organisation begrüßt Drittes Geschlecht

Die Schöpfung sei plural ausgelegt, erklärt die katholische Hilfsorganisation plan:g

Intersex-Flagge
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Ende Juni hat der Verfassungsgerichtshof (VfGH) die Einführung einer dritten Option bei amtlichen Geschlechtseintragungen beschlossen. Nun hat zum ersten Mal eine katholische Organisation dieses Erkenntnis begrüßt.

Weil die Schöpfung plural angelegt ist, ist Intersexualität keine Krankheit

„Intersexuelle Personen haben das Recht auf eine adäquate Bezeichung im Personenstandsregister“, befürwortet die katholische Organisation plan:g, das ehemalige Aussätzigen-Hilfswerk, in einer Aussendung die höchstgerichtliche Entscheidung. Die Organisation engagiert sich seit 1958 für das Menschenrecht auf Gesundheit.

Aus einem christlichen Schöpfungsverständnis heraus, das die Schöpfung plural angelegt glaubt, verstehe auch plan:g Intersexualität nicht als Krankheit, so die Organisation. Dass an intersexuellen Kindern oft medizinische Eingriffe vorgenommen werden, ist für die christliche Organisation „skandalös“: „Kirche und Gesellschaft insgesamt dürfen sich diesem Leiden nicht verschließen. Als kirchliche Organisation im Gesundheitssektor muss plan:g Leiden wahrnehmen, ansprechen und helfen, es zu überwinden“, heißt es weiter.

In außereuropäischen Kulturen sei ein unbefangenerer Umgang mit abweichender Geschlechtlichkeit belegbar, so plan:g weiter: Die First Nations kennen die „two spirits“, Pakistan und Indien die „Hijras“ und muslimische Kulturen die „muḵannaṯūn“.

Das dritte Geschlecht könnte auch kirchenrechtlich zu Diskussionen führen, meint ein Theologe

Nicht nur gesellschaftspolitisch, sondern auch kirchenrechtlich werde das Thema zum dritten Geschlechtseintrag relevant werden, ist der Theologe Gerhard Marschütz in einem Interview für die Ö1-Sendereihe „Praxis – Religion und Gesellschaft“ überzeugt: Denn nach katholischem Recht kann die Ehe nur zwischen einer Frau und einem Mann geschlossen werden. Die Priesterweihe ist überhaupt nur Männern vorbehalten. Daher sei ein Umdenken nötig.

Der niederländischen Theologin Mariecke van den Berg zufolge lasse sich Intersexualität auch biblisch begründen, wie sie gegenüber Ö1 betonte: „Man könnte den Schöpfungsbericht auch so lesen: Da ist ein Mensch, Adam, von dem noch gar nicht feststeht, ob er ein Geschlecht hat. Der nur Mensch ist, nicht Mann oder Frau. Dann würde das erste menschliche Wesen eine Person sein, die nicht auf ein Geschlecht festgelegt ist.“

„Die Schöpfung hat offensichtlich Platz für ein drittes Geschlecht“

Auch plan:g-Geschäftsführer Matthias Wittrock betont: „Die Schöpfung hat offensichtlich Platz für ein drittes Geschlecht. Das Problem ist nicht die Intersexualität, sondern ein verstellter Blick auf die Schöpfung.“

Die dritte Option gilt vor allem für intersexuelle Menschen. Diese haben bei der Geburt sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale. Betroffen sind davon etwa 1,7 Prozent der Bevölkerung, das sind in Österreich etwa 1.700 Neugeborene pro Jahr.