Bis zu 35.000 Besucher: Rekordbeteiligung bei Jerusalem Pride

Proteste gegen diskriminierende Gesetze unter der Regenbogenflagge

Regenbogenflagge
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Rund 35.000 Menschen nahmen nach Angaben der Veranstalter gestern an der Jerusalem Pride teil. Das ist die größte Teilnehmerzahl seit der Premiere der Parade im Jahr 2002. Grund dafür waren unter anderem Proteste gegen das kürzlich beschlossene Leihmutterschaftsgesetz.

Eigentlich steht die Jerusalem Pride im Schatten ihrer großen Schwester in Tel Aviv: Sie ist kleiner, politischer und auch umstrittener: Vor drei Jahren hatte ein streng religiöser Jude an der Parade die 16-Jährige Shira Banki erstochen. Ein Gericht verurteilte den Mörder ein Jahr später zu lebenslanger Haft plus 31 Jahre. Bei dem Marsch wurde auch ihr gedacht.

Proteste gegen die Regierung artikulieren sich durch die LGBT-Community

Doch dieses Jahr war alles anders. Denn in der israelischen LGBT-Community brodelt es. Auslöser ist das gerade vom Parlament beschlossene Leihmutterschaftsgesetz für Paare oder Single-Frauen, das Männer damit ausschließt. Und das, obwohl Premierminister Benjamin Netanjahu zuvor in einer Videobotschaft seine Solidarität mit der Community bekundet hat.

Denn: „Das Gesetz ist diskriminierend gegen schwule Männer“, erklärte Eran Globus, Vorsitzender von Jerusalem Open House, dem Veranstalter der Parade. „Aber das ist nun ein viel größeres Thema geworden“, so Globus. Es gehe um die grundsätzliche Frage: „Wird Israel ein Land, in dem alle Menschen, egal ob LGBT oder nicht, frei und ohne Diskriminierung leben können?“

Neue Gesetze diskriminieren – nun regt sich dagegen Widerstand

Denn die Regierung hat sich in den letzten Wochen durch einige problematische Gesetze Feinde gemacht. Denn allen neuen Gesetzen gleich ist die Ungleichheit, die sie zur Folge haben. Das betrifft nicht nur das Leihmutterschaftsgesetz. Sondern etwa auch das das Einberufungsgesetz, das gegen die Forderung des Obersten Gerichts jetzt doch wieder Schriftgelehrte weitgehend vom Wehrdienst befreit.

Oder das Gesetz, das „Israel als jüdischen Nationalstaat“ definiert und so die drusische Minderheit und arabische Israelis offen diskriminiert. Und das alles brachte dieses Jahr 35.000 Menschen zur Jerusalem Pride auf die Straßen der israelischen Hauptstadt. Diese Unzufriedenheit kann der Regierung gefährlich werden, Neuwahlen schweben in der Luft. Die Regenbogenfahne sei schon die Fahne des säkularen Israel, scheibt der Kurier.

2.500 Sicherheitskräfte schützen die Teilnehmer

Geschützt wurde die Jerusalem Pride nach Angaben israelischer Medien von 2.500 Sicherheitskräften. Wie schon im Vorjahr wurden zwei Gegendemonstrationen genehmigt. Nach Angaben des israelischen Radios wurden 30 militante Anti-LGBT-Aktivisten aufgefordert, während der Parade außerhalb der Stadt zu bleiben.

Vor der Stadt demonstrierten etwa 100 Menschen, unter ihnen nationalistisch-religiöse Rabbis, und forderten die „Rückkehr zur normalen Familie“. Bereits vor der Parade hatten mehr als 200 orthodoxe Rabbiner zuvor einen Brief unterzeichnet, in dem Mitglieder der LGBT-Gemeinde als „Perverse“ bezeichnet wurden.

Israel hat im Vergleich zu anderen Ländern der Region eine offene Haltung zur Homosexualität und verfügt gerade im liberalen Tel Aviv über eine große und einflussreiche Schwulen- und Lesbenszene. Das konservative Jerusalem ist hier weit weniger offen.