Berlin: Letzter Tag für den „Hafen“ – oder etwa doch nicht?

Durch die Proteste aufgeschreckt könnte der Vermieter doch einlenken

Hafen Berlin
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Hoffen und Bangen bei einer der bekanntesten Schwulenbars in Berlin. Nach 28 Jahren soll heute der „Hafen“ in der Motzstraße zum letzten Mal aufsperren. Doch nach einem großen öffentlichen Aufschrei, in den sich auch die Berliner Politik gemischt hat, könnte es noch eine Gnadenfrist geben.

Seit 1990 ist der Hafen ein Ankerpunkt der Community im Regenbogenkiez

Es war am 13. November 1990, als Ulrich Simontowitz mit vier Freunden den „Hafen“ in der Motzstraße eröffnete. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die gemütliche Bar zu einem Fixpunkt der Berliner Szene – eines der wenigen verbliebenen schwulen Lokale in der Motzstraße, in der es nicht vorrangig um Sex geht.

„Wir waren der erste Laden ohne Klingel und mit einem offenen Schaufenster. Das war damals eine große Sache, sich so offen zu seiner Sexualität zu bekennen. Das war eine kleine Revolution im Kiez, ein großer Schritt hin zu mehr Akzeptanz und Toleranz“, erinnerte sich Simontowitz gegenüber dem Mannschaft Magazin.

Und er fügt hinzu: „Wir waren auch treibende Kraft hinter der Gründung des lesbisch-schwulen Stadtfestes hier in der Motzstraße.“ Der „Hafen“ ist ein echtes Zentrum der Community im Regenbogenkiez, den Simontowitz nun seit fünf Jahren alleine führt.

Nach einem Jahr Stille bekommt der Besitzer vom Vermieter plötzlich die Kündigung

Doch kurz vor Weihnachten bekommt Simontowitz vom Vermieter, einer großen Immobiliengesellschaft, die Nachricht, dass der Mietvertrag nicht verlängert wird, bis zum 3. Jänner soll das Lokal geräumt werden – unter Verweis auf einen Nachmieter, angeblich aus der Szene. Zuvor wollte die Gesellschaft mehr als ein Jahr lang nicht mit dem Mieter reden.

Die Nachricht führte zu einem großen Aufschrei, der über die Community hinausging. Der offen schwule Berliner Kultursenator Klaus Lederer von der Linken schrieb auf Facebook: „Ich finde das unfassbar traurig, denn auch ohne dort regelmäßig Gast gewesen zu sein: Der Hafen ist eine Institution des schwulen Berlin und ein Ort queerer Sichtbarkeit und Leichtigkeit. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann dass eine Lösung gefunden wird und diese Schließung abgewendet werden kann.“

Auch die Berliner Politik macht sich für den „Hafen“ stark

„Nach Clubsterben und der immer stärkeren Verdrängung von Mieterinnen und Mietern aus der Innenstadt trifft es jetzt auch den Regenbogenkiez“, beklagen die queerpolitischen Sprecherinnen und Sprecher Melanie Kühnemann-Grunow  von der SPD, Carsten Schatz von der Linken und Anja Kofbinger und Sebastian Walter von den Grünen in einer gemeinsamen Pressemitteilung.

Mit dem Bundestagsabgeordneten Jan-Marco Luczak meldet sich sogar ein CDU-Politiker zu Wort. „Der Regenbogenkiez rund um den Nollendorfplatz ist ein Besuchermagnet für Menschen aus Deutschland, Europa und der ganzen Welt. Dazu haben ihn auch die Clubs, Bars und Kneipen gemacht. Der Hafen ist seit 28 Jahren eine Institution – daher muss er als Teil dieses lebens- und liebenswerten Kiezes erhalten bleiben!“, meint er.

Heute wird gefeiert – wie es morgen weitergeht, weiß noch keiner

Und auch die Community organisiert sich: Seit 13.00 Uhr feiern sie den mutmaßlich letzten Tag des „Hafen“. „Wir wollen ein Zeichen setzen, dass wir als Community zusammenhalten und uns nicht wehrlos verdrängen lassen. Wir wollen wachrütteln und darauf aufmerksam machen, dass immer mehr Schutzräume für die Community schließen oder von der Schließung bedroht sind, aber wir brauchen diese Räume!“, so der Chef.

Auf Facebook haben mehr als 700 Fans ihre Teilnahme an der Feier fest zugesagt, weitere rund 1440 Unterstützer zeigten sich interessiert. „Wir haben schon ein wenig Bammel und sind wegen des Sicherheitskonzepts bereits mit der Polizei im Gespräch“, so Simontowitz zur Berliner Morgenpost. „Wir hoffen aber, dass alles schön, friedlich und nett wird.“

Und es gibt Hoffnung: Aufgrund der heftigen Reaktionen hat der Vermieter Simontowitz zufolge über einen Nachbarn angeboten, dem Hafen noch ein halbes Jahr Aufschub zu gewähren – wenn die öffentlichkeitswirksame Party abgesagt würde. „Ein halbes Jahr ist kein richtiges Angebot“, gibt sich der Betreiber kämpferisch. „Wir wollen bleiben.“ Und es scheint, als sei das letzte Wort in dieser Sache noch nicht gesprochen.