Evangelische Freikirchen empfehlen Lesben und Schwulen Enthaltsamkeit und „Therapie“

Neuer Leitfaden sorgt auch in der Bundespolitik für Empörung

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Heftige Kritik gibt es am Bund Freier evangelischer Gemeinden (FEG), dem in Deutschland rund 500 Gemeinden angehören: Diese fordern Schwule und Lesben in einer kürzlich erschienenen „Orientierungshilfe“ zu Enthaltsamkeit auf und empfehlen auch von Experten abgelehnte „Therapien“ zur Veränderung der sexuellen Orientierung. Für den Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD) ist das „gefährlicher Humbug“.

„Homosexuelles Verhalten“ sei mit der Bibel nicht in Einklang zu bringen, heißt es

So heißt es in dem neun Seiten starken Heft, dass „homosexuelles Verhalten“ für die Freikirche „im Ergebnis aller Bibelauslegung (…) nicht vereinbar“ mit dem Leitbild der Kirche, der lebenslangen Ehe zwischen einem Mann und einer Frau, sei. Auch sei „die Veränderung der homosexuellen Orientierung bei manchen möglich“, heißt es dort.

Die erste Schlussfolgerung der freien Gemeinden: „Für homosexuell geprägte Menschen, die aufgrund ihrer Lebensgeschichte und Selbstwahrnehmung zu dem Ergebnis gekommen sind, dass sie ihre homosexuelle Prägung als  unveränderbar annehmen müssen und/oder wollen, besteht die Herausforderung darin, aufgrund des biblischen  Leitbildes auf die Praktizierung dieser Prägung zu verzichten und sexuell enthaltsam zu leben.“

Die Freikirchen empfehlen eine Therapie für Menschen, die ihre sexuelle Orientierung ändern wollen

Weiter später heißt es noch: „Homosexuell geprägte Menschen, die den Versuch einer Veränderung ihrer sexuellen Orientierung anstreben, sollten sich einem professionell begleiteten therapeutischen Prozess stellen“ – vor allem, weil sich für „homosexuell geprägte Menschen immer wieder die Versuchung gegeben hat, eine heterosexuelle Partnerschaft einzugehen, um sich davon ‚Heilung‘ bzw. ein ‚normales‘ und ‚akzeptiertes‘ Familienleben zu erhoffen“, was „nicht selten“ zu einer Überforderung beider Ehepartner“ führte.

Der Bund Freier Evangelischer Gemeinden empfiehlt seinen schwulen und lesbischen Mitgliedern also, entweder enthaltsam zu leben, oder sich ihre „homosexuelle Prägung“ durch eine Therapie zu verändern.  Solche „Konversionstherapien“ werden vor allem von religiös-fundamentalistischen Organisationen angeboten. Sie zielen ausgehend von einer Abwertung von Homosexualität auf eine Änderung von Sexualverhalten und sexueller Orientierung ab.

Doch sie sind gefährlich, weil die sexuelle Orientierung eben nicht Teil des freien und veränderlichen Willens ist. Solche Versuche können lebenslange Schäden verursachen, bis hin zum Suizid.

LSVD: „Umpolungstherapien sind gefährlicher Humbug“

Dementsprechend deutlich ist auch die Kritik des LSVD. „Umpolungstherapien sind homophober und gefährlicher Humbug“, macht Vorstandsmitglied Henny Engels klar: Homosexualität war nie eine Krankheit und bedürfe keiner Heilung. „Das haben auch der Weltärztebund und die Weltgesundheitsorganisation bestätigt.“

Der Bund Freier Evangelischer Gemeinden stelle mit seiner Position zu Homosexualität seinen Status als Freier Träger der Jugendhilfe in Frage, betont Engels. Es dürfe keine öffentlichen Förderungen für Institutionen geben, die solche „Behandlungen“ anbieten oder empfehlen, macht sie klar.

Und sie geht noch einen Schritt weiter: „Zum Schutz von jungen Menschen müssen Umpolungs- und Konversionstherapien an Minderjährigen gesetzlich verboten werden. Die Bundesregierung, die Landesregierungen und alle zuständigen Behörden müssen öffentlich vor solchen gefährlichen Pseudo-Therapien warnen“, wiederholt Engels eine langjährige Forderung des LSVD.

Diese „Konversionstherapien“ müssen verboten werden, fordern LSVD und FDP

Für Volker Beck, ehemaliger Bundestagsabgeordneter der Grünen und inzwischen unter anderem Lehrbeauftragter am Religionswissenschaftlichen Institut der Uni Bochum, ist der Leitfaden der Freikirchen „unredlich und unbamherzig“. Er spricht von einer „theologischen Katastrophe“.

Jens Brandenburg, LGBTIQ-politischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, unterstützt die Forderung nach einem Verbot der „Konversionstherapien“: „Unsere Kinder sollten wir vor religiösem Fundamentalismus schützen und mit einer altersgerechten Sexualaufklärung an allen Schulen zu selbstbestimmten Entscheidungen befähigen“, erklärt er. Die Freikirchen kritisiert der Bundestagsabgeordnete: „Sie erkennen ihren Beitrag zur Diskriminierung homosexueller Menschen und bekräftigen im selben Atemzug ihr unverändert mittelalterliches Verständnis von Sexualität und Partnerschaft.“

Der Bund Freier evangelischer Gemeinden hat eigenen Angaben zufolge 479 Gemeinden mit mehr als 41.000 Mitgliedern. „Hinzu kommen fast 10.000 Kinder und etwa 15.000 Freunde, die unsere Gottesdienste besuchen“, heißt es auf der Webseite des Freikirchen-Bundes. Knapp 350 seiner Gemeinden engagieren sich nach Informationen des LSVD für Teenager und Jugendliche in Form von Gruppenangeboten. Etwa 1.800 Mitarbeitende seien dafür aktiv.