Schudig: Vatikan-Kardinal George Pell hat zwei 13-Jährige missbraucht

Dem Kardinal drohen jetzt bis zu 50 Jahre Haft

George Pell
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Einer der höchsten Amtsträger des Vatikan ist nun in Australien wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Kurienkardinal George Pell, einst als Finanzchef des Vatikans der drittwichtigste Mann im Kirchenstaat, am 11. Jänner von einem Gericht in Melbourne schuldig gesprochen worden. Das Strafmaß wurde noch nicht festgelegt.

Das Urteil fiel einstimmig, blieb aber wegen eines zweiten Verfahrens noch geheim

Das Urteil fiel einstimmig. Es war bis jetzt unter Verschluss gehalten worden, weil ein weiterer Prozess gegen Pell wegen anderer Vorwürfe geplant war. Mit dem Verbot der Berichterstattung sollte eine Beeinflussung dieses Prozesses verhindert werden. Heute entschloss sich die Staatsanwaltschaft aber, das zweite Verfahren nicht zu verfolgen, nun durfte auch über die Verurteilung vom Dezember berichtet werden.

George Pell wurde schuldig gesprochen, Ende 1996 zwei damals 13-jährige Sängerknaben in einem Hinterzimmer der Saint Patrick’s Kathedrale in Melbourne missbraucht zu haben. So soll er die beiden Burschen erwischt haben, wie sie nach der Sonntagsmesse Wein tranken. Einen der beiden Teenager soll er dann zum Oralsex gezwungen haben, dem anderen fasste er in den Schritt.

Eines der Opfer spritzte sich 2015 eine Überdosis Heroin

Im Frühjahr des folgenden Jahres belästigte Pell einen der beiden erneut: Er drückte ihn gegen eine Wand in der Kathedrale und presste sich gegen den Intimbereich des Burschen. Eines der Opfer hat die Vorfälle 2015 der Polizei gemeldet und vor Gericht umfassend ausgesagt. „Wie viele Überlebende habe ich Scham, Einsamkeit, Depressionen und Kämpfe erlebt. Wie bei vielen Überlebenden hat es Jahre gedauert, bis ich die Auswirkungen auf mein Leben verstanden habe“, so das Opfer in einer aktuellen Stellungnahme.

Das zweite Opfer von Pell ist 2014 an einer Überdosis Heroin gestorben. Sein Vater sagte nach dem Schuldspruch, Pell habe Blut an seinen Händen, er wolle ihn verklagen: Durch den Missbrauch habe sein Sohn an einer posttraumatischen Belastungsstörung gelitten, die ihn in den Selbstmord getrieben hatte.

Berichten zufolge soll George Pell in den 1960er-Jahren erstmals Buben missbraucht haben

In dem zweiten Fall, den die Staatsanwaltschaft nun nicht mehr verfolgt, geht es darum, dass Pell zwischen 1976 und 1980 als einfacher Priester in seiner Heimatstadt Ballarat Burschen missbraucht haben soll. Zwei Männer beschuldigen den Kardinal, ihnen während dem Schwimmen in einem öffentlichen Schwimmbad immer wieder an die Genitalien gegriffen zu haben.

Einer internen Untersuchung der australischen Kirche, dem „Southwell Report“, zufolge soll Pell auch in den frühen 1960er Jahren einen Zwölfjährigen auf einem Ferienlager für Ministranten sexuell missbraucht haben. Einen endgültigen Beweis für diese Tat konnten die Ermittler aber nicht finden.

Als ehemalige Nummer 3 des Vatikans ist Pell der bislang höchstrangige Würdenträger, der verurteilt wurde

Pell ist der bislang ranghöchste Geistliche der römisch-katholischen Kirche, der wegen Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde. Die Beratungen über ein Strafmaß sollen morgen beginnen. Mit einer Verkündung des Ergebnisses wird Anfang März gerechnet. Pell drohen bis zu 50 Jahre Haft. Derzeit ist er wegen einer Knieoperation auf freiem Fuß. Morgen muss er vor Gericht erscheinen. Es wird erwartet, dass er dann inhaftiert wird.

Der Kurienkardinal hatte bis zuletzt seine Unschuld beteuert. Sein Anwalt Robert Richter will gegen den Schuldspruch berufen. Er sagte während des Prozesses, nur ein „verrückter Mann“ hätte die Burschen an einem so öffentlichen Ort missbraucht. Außerdem seien die „unhandlichen Roben“ dazu nicht geeignet, jemanden zum Oralsex zu zwingen.

George Pell wurde im Juni 2017 wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt. Kurz darauf ließ er sich als Finanzchef des Vatikans beurlauben, um sich in seiner Heimat Australien den Vorwürfen zu stellen. Im Dezember 2018 teilte Greg Burke, der Sprecher des Papstes mit, dass der ehemals enge Vertraute von Franziskus wegen seinem „fortgeschrittenen Alter“ nicht mehr zu jenen neun Kardinälen gehöre, die den Papst beraten.