Mord an russischer LGBT-Aktivistin: Polizei verhaftet Verdächtigen, sieht kein Hassverbrechen

LGBT-Aktivistren in St. Petersburg zweifeln an den offiziellen Informationen

Jelena Grigoryewa
Dinar Idrisow/Facebook

Die Polizei in St. Petersburg hat den mutmaßlichen Mörder der LGBT-Aktivistin Jelena Grigoryewa festgenommen. Ein Hassverbrechen schließen die Beamten demnach aus – stattdessen habe die Tat „im Rahmen eines persönlichen Konflikts“ stattgefunden und mit dem angeblich unsteten Lebenswandel des Opfers zu tun.

Für ihr Engagement hat Grigoryewa Morddrohungen erhalten – doch ihr Tod soll ganz andere Gründe haben

Die 41 Jahre alte Grigoryewa wurde in der Nacht zum Sonntag ermordet. Sie hatte sich für die Rechte sexueller und geschlechtlicher Minderheiten in Russland eingesetzt. Zuletzt wurde die Aktivistin, die sich selbst als bisexuell definierte und eine 20-jährige Tochter hinterlässt, wiederholt „Opfer von Gewalt“ und habe Morddrohungen erhalten, erklärte der oppositionelle Aktivist Dinar Idrisow kurz nach ihrem Tod. Sie habe diese Vorfälle bei der Polizei angezeigt – „aber es gab keine Reaktion“.

Wie das Online-Portal Gay Star News meldete, tauchte ihr Name auch auf einer Webseite auf, die vom Grusel-Schocker „Saw“ inspiriert wurde und zu Gewalt gegenüber LGBT-Aktivisten aufruft. Die Seite wurde zwar mittlerweile gesperrt, dort waren aber persönliche Informationen auch über Grigoryewa zu finden. Die Macher versprachen möglichen Tätern auch, sich um deren rechtlichen Schutz zu kümmern. Die Zahl der Drohungen sei massiv angestiegen, nachdem Grigoryewas Daten auf der Seite veröffentlicht wurden, hieß es aus dem Umfeld der Aktivistin.

Für die Polizei in St. Petersburg war der Mord eine Tat unter Saufkumpanen, die ein „asoziales Leben“ hatten

Trotzdem schließt die Polizei in St. Petersburg einen homophoben Hintergrund der Tat aus und macht stattdessen den angeblich unsteten Lebenswandel von Grigoryewa für ihren Tod verantwortlich. Das Verbrechen sei Folge eines „persönlichen Konflikts“, so die Beamten. Sie hätten einen bereits vorbestraften Mann aus der früheren Sowjetrepublik Kirgistan festgenommen. 

Der 1981 geborene Verdächtige habe Grigoryewa „im betrunkenen Zustand“ acht Mal mit einem Messer in Gesicht und Rücken verletzt und so getötet. Die Ermittler betonen, dass die LGBT-Aktivistin „ein asoziales Leben“ geführt und „oft Alkohol getrunken“ habe, unter anderem mit ihrem mutmaßlichen Mörder. Weitere Angaben zu den Beweisen machte die Polizei nicht.

Die Community glaubt der offiziellen Version der Polizei nicht und will die angeblichen Beweise sehen

In der Community will man dieser offiziellen Version der Behörden nicht glauben. Die St. Petersburger LGBT-Organistion „Wichod“ äußerte bereits ihre Zweifel an den Ermittlungsergebnissen und forderte die Veröffentlichung der angeblichen Beweise – um zu zeigen, dass es wirklich keine anderen Motive für die Tat gegeben habe.

Grigoryewa war in St. Petersburg als Aktivistin für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender bekannt. Die 41-Jährige nahm regelmäßig an Demonstrationen für LGBT-Rechte teil. Zudem beteiligte sie sich an Protesten für politische Gefangene und gegen die russische Annexion der Krim.

Menschenrechtler beklagen immer wieder brutale Übergriffe auf Angehörige sexueller oder geschlechtlicher Minderheiten in Russland, die oft folgenlos blieben. In Russland war Homosexualität bis 1993 verboten. Bis 1999 stand gleichgeschlechtliche Liebe auf der Liste der Geisteskrankheiten.